Aug
04

Von Grenzen und Menschen – Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan

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Nach der bisher zehntägigen und ziemlich anstrengenden Reise durch drei ehemalige Sowjetrepubliken entspannen wir uns gerade im klimatisierten Hotel, weil die sommerliche Hitze nach einem zweistündigen Bummel durch die bizarre turkmenische Hauptstadt Aschgabat einfach unerträglich wurde. Möglicherweise gehen wir uns später im Olympia-Stadion das Fussball-WM-Qualifikationsspiel Turkmenistan – Indonesien anschauen.

Viele Gedanken und Ideen für einen kurzen Rückblick auf diese intensive Zeit schwirren in meinem Kopf herum. Doch bisher kam ich nicht dazu, diese niederzuschreiben.

Doch zunächst ein paar Worte zu meinen Reiseblogs. Ich schreibe diese Blogs in erster Linie, weil ich gerne reise und gerne darüber berichte. Mittlerweile hat sich auch eine kleine Fangemeinde meiner Blogs entwickelt, was ich natürlich sehr schätze. Ich hoffe auch, dass ich damit die Eine oder den Anderen dazu animieren kann, vielleicht einmal ein Land zu bereisen, welches nicht gerade zu den Topdestinationen der europäischen Touristinnen und Touristen gehört. Meine Blogs sind und bleiben erste Eindrücke. Deshalb haben sie selbstverständlich nicht den Anspruch, ein vollständiges Bild eines Landes zu vermitteln. Dennoch ist es so, dass man gerade mit den ersten Eindrücken oftmals ins Schwarze trifft. Man hält fest, was auffällt. Je besser man ein Land kennt, desto weniger fällt einem auf. Dabei ist natürlich hinzunehmen, dass manche Beobachtungen nicht gerade repräsentativ für das entsprechende Land sind.

Nun, wo soll ich beginnen? Was kann ich nach zehn Tagen über die drei einerseits ähnlichen und doch ganz unterschiedlichen bereisten Länder berichten?

Nach sieben passierten Grenz- und zahlreichen Polizeikontrollen möchte ich einen Vergleich heranziehen, der durchaus gewagt ist und womöglich den drei betreffenden Ländern nicht gerecht wird. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass gerade das Verhalten der Grenzbeamten etwas über die Gesellschaft dieser Länder aussagt.

Um die Grenzkontrollen kurz und etwas salopp zu beschreiben: Die Usbeken hatten keine Ahnung und machten ein Riesentheater. Die Tadschiken hatten keine Ahnung und machten kaum Theater. Die Turkmenen hatten eine Ahnung und machten kaum Theater.

Ob am Flughafen oder an den Landesgrenzen zu Tadschikistan und Turkmenistan, die Ein- oder Ausreise nach bzw. aus Usbekistan ist keine Freude. Warten, langwieriges Ausfüllen von Zolldeklarationen auf oftmals ausschliesslich in kyrillischer Schrift vorhandenen Vorlagen, erneutes Warten, etliche Passkontrollen und selbstverständlich die Gepäckkontrolle. Zudem gibt es grundsätzlich keine Garantie dafür, dass eine Grenze auch wirklich geöffnet ist. Dem usbekischen Präsidenten Islam Karimow wird sogar nachgesagt, dass er manchmal morgens aufstehe und spontan entscheide, vorübergehend einige Grenzen zu schliessen. So erfuhren wir auch erst am Tag unserer Ausreise nach Tadschikistan, dass der im einjährigen Reiseführer vermerkte direkte Grenzübergang bei Pendschakent zurzeit gesperrt ist. Deshalb mussten wir einen erheblichen Umweg machen und erreichten den südlicheren Übergang erst abends. Zum Glück (im Unglück) war er für Reisende ohne Fahrzeug um diese Zeit noch geöffnet. Die Grenze war vor allem auf usbekischer Seite ziemlich anstrengend. Wenn sogar Globi-CDs und Kartenspiele wie Ligretto oder Uno genauer inspiziert werden, würde ich dies doch als Schikane bezeichnen. Andererseits interessierte sich der vermutlich russischstämmige Zöllner, der durchaus jeden Reiseführer durchblätterte, nicht für das Buch „Shadow Masters“ von Daniel Estulin, in dem doch immerhin auch die schmutzigen Drogengeschäfte in Zentralasien angesprochen werden. Dass die Usbeken bei der Ausreise aus Tadschikistan etwas genauer hinschauen, ist wiederum verständlich. So wird der Grossteil des durch die CIA und afghanische Warlords kontrollierten Opiumhandels nämlich über Tadschikistan abgewickelt. Selbstverständlich gibt es auch zahlreiche hohe tadschikische und usbekische Beamte, die an diesem Geschäft mitverdienen. Doch für die Presse macht sich der Fang eines kleinen Fisches an der Landesgrenze immer wieder gut. Vor diesem Hintergrund können dann die Luxuswagen und die fetten Villen in Duschanbe und Taschkent besser gerechtfertigt werden.

Trotz des seit dem Einmarsch der USA in Afghanistan florierenden Opiumhandels, von welchem Tadschikistan als wichtigstes Transitland stark betroffen ist, waren die Grenzkontrollen auf tadschikischer viel lockerer als auf usbekischer Seite. Mühsam waren sie dennoch, weil es auch dort überflüssige Formulare auszufüllen gab, die Beamten kaum wussten, wie sie ihre PCs bedienen mussten, die Polizisten bei den unzähligen Passkontrollen sich nicht wirklich einig zu sein schienen, wer eigentlich wofür zuständig ist. Insgesamt würde ich sagen, dass die Usbeken vielleicht etwas korrekter und effizienter waren, die Tadschiken aber viel sympathischer.

In Turkmenistan hatte ich anfänglich das Gefühl, in einem etwas kultivierteren Land – wie etwa dem Iran – angekommen zu sein. Ich hatte den Eindruck, dass jeder Beamte genau wusste, was er zu tun hatte und seinen jeweiligen Job auch gut machte. Das turkmenische System ist vermutlich noch viel komplizierter und bürokratischer als das usbekische oder das tadschikische, aber es scheint auch mehr oder weniger zu funktionieren. Die Beamten waren sehr höflich – bei der Höflichkeit der Beamtinnen könnte man schon beinahe von Flirten sprechen – und korrekt. Wie in Usbekistan öffneten sie zwar alle Koffer – allerdings waren sie im Gegensatz zu den Usbeken fähig, den Inhalt so zu betrachten, dass man den Koffer nach der Kontrolle nicht neu packen musste – wussten aber wonach sie suchten und vor allem auch wonach sie nicht suchten. Das heisst, uninteressante Dinge wurden nicht – wie in Usbekistan – aus Unwissen oder Neugierde drei Minuten lang mit planlosen Blicken in den Händen gehalten, um dann irgendwo neben den Koffer zu werfen, sondern einfach übergangen. Die hübsche Turkmenin überflog kurz meine mitgebrachten Bücher, wollte wissen, worum es bei „Shadow Masters“ ging und fragte anschliessend noch, ob ich Bücher über Religion dabei hatte, was ich glücklicherweise verneinen konnte. Alles in Allem war der turkmenische Grenzübergang wider Erwarten mit Abstand der angenehmste der drei Länder. Dass wir bei der geplanten abendlichen Ausreise aus Usbekistan nicht mehr durchgelassen wurden und deswegen unmittelbar an der Grenze in der Kabine eines iranischen Lastwagens übernachten mussten, ist wohl eher auf die Usbeken selbst zurückzuführen, die nach einer langwierigen Diskussion behaupteten, ihre Grenze sei zwar eigentlich noch offen, die turkmenische jedoch bereits geschlossen.

Was kann nun das Verhalten der Grenzbeamten dieser drei Länder über die jeweiligen Gesellschaften aussagen? Ist mein Vergleich überhaupt angebracht? Ich weiss es selbst nicht. Es ist schwierig, sich nach einer solch kurzen Zeit ein Bild von diesen drei Ländern zu machen. Meine Eindrücke sind sehr ambivalent. Die Grenzkontrollen schienen mir irgendwie typisch für die jeweiligen Länder zu sein, und doch hinkt der Vergleich.

In Usbekistan habe ich viel Positives erlebt. Das Land war sehr sicher, sauber und ordentlich. Die meisten Menschen waren korrekt und anständig. Die (sichtbare) Kriminalität ist vermutlich fast inexistent. Das Reisen innerhalb des Landes ist angenehm. Wie auch in Turkmenistan kann eigentlich jeder Privatwagen als Taxi benutzt werden. Nach kurzem Warten am Strassenrand hält irgendein Usbeke an und fährt einen an den Zielort. Meistens auch zu einem anständigen Preis. Und trotz der zahlreichen positiven Aspekte Usbekistans hinterlässt das Land einen etwas faden und langweiligen Eindruck. Ich denke nicht, dass es mich noch einmal dort hinzieht – ausser vielleicht zwecks Durchreise.

Die Tadschiken erinnerten mich stark an die Afghanen – kein Wunder, zumal viele Afghanen ja Tadschiken sind. Etwas ländlich, vielleicht manchmal etwas hinterlistig, aber viel warmherziger und sympathischer als ihre ethnischen und sprachlichen Verwandten, die stolzen und oft etwas überheblichen Perser. Unser Aufenthalt in Tadschikistan wurde durch gesundheitliche Beschwerden leider etwas beeinträchtigt. Vermutlich hatten wir – bei einer Zwischenverpflegung auf einem usbekischen Markt vor der Einreise nach Tadschikistan – etwas aufgelesen, was uns alle mindestens einen Tag ans Bett (und an die Toilette) fesselte. Deshalb habe ich in Tadschikistan leider nicht viel mehr als die Hauptstadt Duschanbe gesehen. Doch das lockere Treiben auf den Strassen Duschanbes gefiel mir. Es würde mich sehr reizen, das Land erneut zu bereisen und länger dort zu verweilen. Bei einer nächsten Reise würde ich bestimmt auch in die Pamir-Region fahren, welche landschaftlich wunderschön sein muss. Vielleicht ist es auch die Sprache, welche mich erneut nach Tadschikistan ziehen würde. Den wie das afghanische Dari etwas bäuerlichen Dialekt des Persischen fand ich sehr angenehm. Ja, und nicht zuletzt war Tadschikistan für mich vielleicht auch so etwas wie ein Afghanistan-Ersatz. In Afghanistan habe ich bisher leider nur Herat bereist. Ein Flug nach Kabul oder ein kurzer Ausflug von Usbekistan aus nach Mazar-i Sharif kämen bestimmt auch in Frage. Aber weiter möchte ich in das eigentlich bezaubernde Land unter den momentanen Umständen nicht eindringen.

Turkmenistan ist und bleibt für mich das grosse Rätsel – dazu mehr in einem späteren Blogeintrag. Ich habe noch nie ein Land bereist, dessen Gesellschaft mich so sehr verwirrt hat wie die Turkmenen. Irgendwie angenehm, irgendwie nervtötend, irgendwie bezaubernd, irgendwie abstossend. Ich kann nicht wirklich sagen, ob mir das Land sympathisch ist. Interessant ist es auf jeden Fall. Alleine um der Lösung des Rätsels etwas mehr auf die Spur zu kommen, würde sich ein weiterer Aufenthalt in Turkmenistan bestimmt lohnen. Und wegen den bezaubernd schönen Turkmeninnen natürlich auch.

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