Rassismus – Die Schattenseite des Irans
ByEs ist nun das dritte Mal, dass ich den Iran bereise. Gerade befinde ich mich im Nachtbus von Shiraz nach Esfahan und konnte von einer kurzen Zigarettenpause profitieren, weil man aus mir unbekannten Gründen versuchte, ein ungefähr fünf Meter langes Paket, welches sich bereits im Gang zwischen den Sitzplätzen befand, im Kofferraum zu verstauen und mangels Platz dann doch wieder zurück zwischen die Sitzplätze bugsierte. Dieser Vorgang animierte mich irgendwie dazu, ein paar Zeilen zu schreiben statt in der unerträglichen Hitze auf der hintersten Sitzreihe weiter zu dösen.
Shiraz haben wir nach dem Besuch von Persepolis gleich wieder verlassen. Ich mag die Stadt nicht. Der äusserst kurze Aufenthalt bestätigte meinen negativen Eindruck vom letzten Besuch der Stadt. Am Busbahnhof wimmelte es von Basijis und irgendwelchen ziemlich beschränkt wirkenden Koranschülern in weissen Gewänden. Den grimmigen Blicken der bärtigen Typen entgegnete ich mit einem müden mitleidigen Lächeln. Ich habe bisher in keiner iranischen Stadt eine solch unangenehme und aggressive Stimmung erlebt. Obwohl es in Shiraz kaum Araber gibt, hat die Stadt für mich irgendwie etwas Arabisches. Nun freue ich mich auf das viel ruhigere Esfahan mit seiner armenischen Gemeinde, dem imposanten Meidan-e Emam Khomeini und dem heimeligen Judenviertel, in welchem heute kaum mehr Juden, aber viele afghanische Flüchtlinge leben.
Von Freunden in der Schweiz werde ich oft gefragt, was genau mich in den Iran zieht. Die Sprache alleine kann es nicht sein. Denn obwohl ich mir immer wieder vornehme, meine Farsi-Kenntnisse aufzufrischen und zu vertiefen, kann ich heute kaum einen anständigen Satz bilden. Die schönen Städte wie Yazd oder Esfahan und die landschaftliche Vielfalt können es auch nicht sein. Es gäbe genügend andere schöne Flecken auf dieser Welt, die ich noch nicht bereist habe und die ebenso reizvoll wären. Doch weshalb fühlte ich mich nach dem Aufenthalt in Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan, sobald wir die Grenze bei Bajgiran überquert hatten, sofort geborgen? Liegt es an den Iranern selbst? Möglicherweise. Doch was haben denn die Perser, Azeris, Kurden, Luren, Turkmenen und anderen Völker des Irans gemeinsam, was für mich das Land so attraktiv macht? Auch diese Frage vermag ich kaum zu beantworten. Im Allgemeinen sind die Iraner – zumindest Europäern und sich selbst gegenüber – stets sehr gastfreundlich, höflich und respektvoll. Aber eigentlich bis zu einem Grad, der mir masslos übertrieben scheint. Um diese übertriebene Höflichkeit der Iraner beschreiben zu können, kennt die persische Sprache sogar ein Wort – “taruf” – welches genau dafür verwendet wird. Und die Iraner sind sich auch nicht zu schade, sich mit grosser Selbstironie darüber lustig zu machen. Nein, “taruf” ist es nicht, was mich in den Iran zieht. Wenn der Taxifahrer, der vor der Fahrt noch zehn Minuten lang um 5000 Tuman (ungefähr fünf Franken) feilschen mochte, nach der vierstündigen Fahrt dann aus Höflichkeit dreimal die Annahme des Fahrpreises ablehnt, bin ich immer wieder versucht, einmal zu sagen: “Ah okay, dann vielen Dank und einen schönen Abend noch!” Nein, Höflichkeitsfloskeln sind gar nicht mein Ding. Aber freundliche, intelligente Menschen weiss ich zu schätzen. Und das sind die Iraner grossenteils – freundlich zumindest Europäern und sich selbst gegenüber.
Szenenwechsel. Wir schlenderten durch das Zentrum von Esfahan. Ich sah wie zwei Männer am Strassenrand einen anderen Mann festhielten und auf ihn einschlugen. Da ich grundsätzlich eigentlich kein schaulustiger Mensch bin, erwog ich zuerst nicht einmal, stehen zu bleiben. Doch dann hörte ich wie einer der zwei Typen sagte: “Afghani ast, Irani nist.” (“Er ist Afghane, er ist kein Iraner.”) Da ich mit der Situation der afghanischen Flüchtlinge im Iran einigermassen vertraut bin, wurde ich hellhörig. Ich kehrte zu den drei Typen und der versammelten Menschenmenge zurück und versuchte in Erfahrung zu verbringen, weshalb der Afghane festgehalten und geschlagen wurde. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass er, abgesehen davon, dass er Afghane ist und sich illegal im Iran aufhält, eigentlich nichts verbrochen hatte. Und so schien es auch zu sein. Die Typen, die ich auf Farsi ansprach, vermochten mir nicht mehr zu sagen, als dass er Afghane und Flüchtling und deshalb ein Dieb sei. Als ich fragte, was er denn gestohlen hätte, hiess es, eine Million Tuman (ungefähr 1000 Franken). Die Frage, ob er denn das Geld auf sich trüge, blieb vorerst unbeantwortet. Später erklärte mir einer der Typen auf Englisch, der Afghane hätte das Geld geschluckt. Angenommen, er hätte den Betrag ausschliesslich in Form der grössten iranischen Banknote, die kaum im Umlauf ist, gestohlen, hätte der vermutlich minderjährige, magere Bursche hundert Geldscheine schlucken müssen. Die Anschuldigung war also mindestens ebenso lächerlich wie die halbstarken Typen, die den schutzlosen Afghanen festhielten. Die schwache und fast weibliche Stimme des Jungen ging im Gebrüll der selbst ernannten Sittenwächter unter. Hin und wieder kassierte er einen Schlag ins Gesicht oder einen Tritt in die Eier. Weil mir bewusst war, welche Konsequenzen dem Jungen drohten, wenn er auf die nächste Polizeistation gebracht würde, versuchte ich, die idiotischen Typen von ihrem Vorhaben abzubringen. Doch meine Mühe war umsonst. Die versammelten Schaulustigen betrachteten mich mit grossem Unverständnis und versuchten mir zu erklären, dass es sich hier um einen Afghanen und nicht um einen Iraner handelte. Es wäre also völlig legitim, wenn er abgeführt würde. Später kamen andere Typen – jetzt vermutlich richtige Basijis – dazu und führten den Afghanen ab. In mir kam ein starkes Gefühl von Ohnmacht auf. Ich wusste nicht mehr, wie ich dem armen Jungen hätte helfen können. Mit Geld hätte ich die Typen kaum beruhigen können. Auch wirksame Drohungen fielen mir keine ein. Ich wüsste nicht, welches Organ des iranischen Justizapparats dem Afghanen geholfen hätte. Es hätte auch nichts gebracht, wenigstens seine Personalien aufzunehmen, weil sich der Junge vermutlich sowieso illegal im Iran aufhält. So lief ich hilflos den Typen hinterher, die den Afghanen abführten, und versuchte auf sie einzureden. Schliesslich gaben sie mir mit Drohgebärden zu verstehen, mich aus dem Staub zu machen, packten den Jungen in einen Privatwagen und fuhren davon.
Während ich nun im Hotel sitze und diese Zeilen schreibe, wird der junge Afghane vielleicht gerade auf einer Polizeistation in meiner Nähe befragt und geschlagen. Ja, wenn er Glück hat, wird er nur verprügelt und dann wieder auf der Strasse ausgesetzt. Vielleicht wird er aber auch gerade von einem ekligen Basiji, der zu Hause vier Frauen hat und in der Öffentlichkeit die Homosexualität als Teufelssache verurteilt, in den Arsch gefickt.
Im Iran leben rund zwei Millionen Afghanen, wovon nur knapp die Hälfte registriert ist. Im Gegensatz zu Flüchtlingen aus anderen Nationen werden sie nicht offiziell als Flüchtlinge (“refugees”) anerkannt, sondern als “displaced persons” betrachtet. Dies hat massive Auswirkungen auf den Alltag der Afghanen und somit auf deren Zugang zum Arbeitsmarkt, Gesundheits- und Bildungswesen. Versteckte und offene Diskriminierungen sind zahlreich und können in jedem Lebensbereich vorkommen. Dies betrifft die illegalen und die registrierten Afghanen gleichermassen. In mehreren Weisungen von 1963, 1990 und 2004 regelte die iranische Regierung die Restriktionen gegenüber Flüchtlingen detaillierter. Gemäss jenen von 1963 erhielten Flüchtlinge dieselbe Sozialunterstützung wie Iraner. In jenen von 2004 wurde ihnen verboten, Hypotheken aufzunehmen, Häuser zu mieten, Eigentum zu erwerben und Bankkonti zu eröffnen. Gemäss iranischem Gesetz ist es Afghanen sogar verboten, ein Auto oder ein Mobiltelefon zu erwerben.
Der Grossteil der Afghanen arbeitet illegal. Insbesondere in der Landwirtschaft oder im Bausektor sind Afghanen zwar willkommene günstige Arbeitskräfte, allerdings wird von iranischer Seite kaum Verständnis gezeigt, wenn im Bausektor arbeitende Afghanen verunfallen oder sogar getötet werden. Die harten Arbeitsbedingungen erschweren den Alltag der afghanischen Flüchtlinge massiv. Zudem ist bekannt, dass der Drogenkonsum unter den Migranten zugenommen hat, um die langen Arbeitszeiten zu überstehen. Die meisten Afghanen arbeiten im Baugewerbe, als Hilfskräfte, als Haushaltshilfen, als Wächter, in Fabriken oder im Bergbau. Viele Minderjährige arbeiten im Iran und unterstützen ihre Familien in Afghanistan. Sie können sich besser verstecken und werden bei Festnahmen eher wieder freigelassen, während erwachsene Afghanen ausnahmslos nach Afghanistan zurückgeführt werden.
Sich illegal im Iran aufhaltende Afghanen haben keinerlei Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem. Auch für registrierte Afghanen bestehen in öffentlichen Spitälern immer wieder gewisse Einschränkungen bei der Zulassung. Seit 2004 können afghanische Flüchtlinge keine Krankenversicherung mehr abschliessen.
Auch im Schulbereich gibt es massive Diskriminierungen für Afghanen. Während Kinder irakischer Flüchtlinge die Schule gratis besuchen können, müssen afghanische Kinder Schulgeld bezahlen. Seit 2004 muss zudem eine Steuer für die Anmeldung bezahlt werden.
Afghanen gelten im Iran generell als Bürger zweiter Klasse. Die schiitischen Hazaras, die den Grossteil der Afghanen im Iran ausmachen, unterscheiden sich äusserlich relativ klar von den Iranern und fallen daher eher auf. Auf Grund der anhaltend grossen Flüchtlingszahl, dem zunehmenden Drogenproblem und der stetig steigenden Arbeitslosigkeit unter Iranern in den letzten Jahren sind negative Veränderungen in der Haltung der iranischen Bevölkerung gegenüber Afghanen zu beobachten.
Vorfälle wie jener heute Nachmittag in Esfahan gehören im Iran zum Alltag. Dies war mir bewusst. Dennoch fühlte ich mich hier stets sehr wohl und schätzte die Mentalität der Iraner. Heute habe ich einen solchen Vorfall selbst miterlebt, und er ging mir unter die Haut. Wenn ich an diese Arschlöcher zurückdenke, die sich stark fühlten, weil sie einem ihnen schutzlos ausgelieferten jungen Afghanen das Leben zur Hölle machen konnten, könnte ich kotzen. Wenn ich an die zahlreichen Passanten denke, von welchen sich kein Einziger für den Afghanen einsetzte, könnte ich kotzen.
Wenn dies die Kehrseite der übertriebenen Höflichkeit ist, dann scheisse ich auf diese Höflichkeit!
Gott möge dem Jungen beistehen und ihn aus den schmutzigen Händen dieser Typen befreien.
Persönlich hoffe ich, dass der Respekt der sonst sehr freundlichen und zuvorkommenden Iraner in Zukunft verstärkt auch ihren sowohl sprachlich als auch ethnisch verwandten Nachbarn, den Afghanen, gilt. Wäre dies der Fall, dann könnte ich ohne Vorbehalt sagen, dass mich die Mentalität der Iraner immer wieder in dieses schöne Land zieht.