Aug
06

Qom – Von Bärten und Zelten

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Qom. Im Hotel in der Nähe des Heiligen Schreins von Fatema al-Ma’sume, der Schwester des Imam Reza. Kindergeschrei. Männergebrüll. Frauengezicke. Freitagabend. Wenige Tage vor Beginn des Ramadans.

Da wir morgen zum Salzsee in der Nähe von Qom fahren werden, verbringen wir die heutige Nacht in dieser Stadt, die neben Mashhad als heiligste Stadt des Irans betrachtet wird. Während meiner ersten beiden Aufenthalte im Iran habe ich alles daran gesetzt, diese Stadt nicht besichtigen zu müssen. Und wie Recht ich damit hatte! Qom ist fürchterlich. Religiöse Fanatiker weit und breit. In dieser Stadt wird sogar ein durchaus toleranter Mensch wie ich dazu verleitet, islamophob zu werden. Die Stimmung in der Stadt ist noch hektischer und aggressiver als in Shiraz. Und es fällt mir echt schwer, die Wesen, die man auf den Strassen von Qom antrifft, als Menschen zu bezeichnen. Bärte und schwarze Zelte so weit das Auge reicht.

Was sich hier abspielt, hat nichts mehr mit einem gesunden Islam zu tun. Kann eine Religion überhaupt gesund sein? Meiner Meinung nach nicht. Doch das ist ein anderes Problem, welches ich an dieser Stelle nicht erörtern möchte. Jedenfalls gibt es Menschen, die sich zwar zu einer Religion bekennen und gewisse Regeln befolgen, aber immer noch ein Leben führen, welches sich ausserhalb dieser Religion abspielt. Die Religion als Teil des Lebens, und nicht das Leben als Teil der Religion. Hier in Qom hat man den Eindruck, dass ausschliesslich Letzteres der Fall ist. Der Islam – und zwar eine sehr radikale und stumpfsinnige Form des Islams – dominiert hier das Leben.

Nach wenigen Stunden in dieser Stadt bringe ich das Gefühl nicht mehr los, dass die Menschen hier total verblödet sind. Bärtige Typen in weissen Gewändern und turbanartiger Kopfbedeckung schreiten mit auf den Boden gerichteten Blicken durch die Strassen. Als hätten sie irgendetwas zu verbergen. Als würden sie sich vor irgendetwas schämen. Die Frauen, von Kopf bis Fuss – oft auch das ganze Gesicht – in schwarzes Tuch verhüllt, watscheln den Bärten hinterher, als könnten sie selbst den Weg nicht finden. Die Kinder wirken dumm und sind völlig überfressen, noch fetter als Amerikaner. Die Jungs spielen bereits in zartem Alter mit ihren iPhones herum, während die Mädchen noch vor den ersten Ansätzen der weiblichen Brust – die man bei ihren fetten Körpern ohnehin nicht erkennen würde – bereits verhüllt werden wie ihre Mütter. Die Unmenge an Schmuckläden und Süsswarengeschäften wirken auf mich irgendwie ironisch. Sollen damit die Frauen und Mädchen ruhig gestellt werden? Reichen goldene Halsketten und überzuckerte, mit Rosenwasser begossene Gebäcke aus, um eine gefangene Frau glauben zu lassen, dass sie frei sei?

Im Hotel handelt es sich bei den meisten Leuten um arabische Touristen aus dem Irak, Saudi Arabien, Syrien und anderen Ländern mit schiitischen Glaubensgemeinschaften. Als ich mit meiner Tochter den Fahrstuhl betrat, befanden sich bereits zwei komplett verhüllte Frauen darin. Ich vermutete schon, dass die gemeinsame Fahrt vom Erdgeschoss in den ersten Stock aus ihrer Sicht völlig „haram“ und ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Bereits gereizt von dem idiotischen Verhalten der Menschen auf der Strasse, betrat ich mit einem Gefühl zwischen Verachtung und Genugtuung den Fahrstuhl und – siehe da! – die beiden Pinguine verliessen ihn sofort und warteten, bis er wieder frei wurde. Wie bescheuert die doch sind!

Ich musste an Oriana Fallaci denken, an die eigentlich bewundernswerte italienische Journalistin, die sich in den letzten Jahren vor ihrem Krebstod immer radikaler gegen den Islam äusserte. Sie musste einst vorübergehend einen Iraner heiraten, weil sie sich alleine mit ihm in einem Raum aufgehalten hatte. Ich konnte Fallacis Islamophobie nie verstehen. Wie konnte eine überdurchschnittlich intelligente und hübsche Frau plötzlich so hasserfüllt werden und eine derart grosse Gruppe von Menschen im Kollektiv verurteilen? Heute gab es Momente, in welchen ich mich beherrschen musste, nicht wie Oriana Fallaci zu denken. Und Gott sei Dank, haben die beiden Frauen den Fahrstuhl verlassen! Sonst hätte mir womöglich noch dasselbe Schicksal wie der italienischen Journalistin gedroht.

Beim Frühstück im Hotel vor unserem Ausflug an den Salzsee wurden meine Gefühle der Verachtung und Verabscheuung immer stärker. Ich konnte mir nicht erklären, dass es auf diesem Planeten Menschen gibt, die in mir derartige Gefühle auslösen können. Ich habe durchaus ein wenig Ahnung vom Islam, studierte unter anderem am Institut für Islamwissenschaft, führte eine mehrjährige Beziehung mit einer Muslimin, habe grossen Respekt vor einigen Vertretern der islamischen Mystik, finde Gefallen an islamischen Bauten, hätte auch nichts gegen Minarette in der Schweiz gehabt, aber irgendwo hat meine Toleranz ihre Grenzen. So begann ich mir während des Frühstücks Dinge vorzustellen, für welche ich nach Ansicht der übrigen Frühstückenden vermutlich bereits hätte gehängt werden sollen, ohne sie auszusprechen oder in Tat umzusetzen. Als ein Greis mit drei komplett verhüllten Frauen und einem Jungen an einem Tisch Platz nahm – nachdem sich die Frauen bereits gesetzt hatten, wurden sie noch einmal umplatziert, weil man ihnen sonst seitwärts hätte ins Gesicht schauen können, wenn sie den Schleier kurz anhoben, um das Brot zum Mund zu führen – fragte ich mich, was wohl geschehen würde, wenn ich jetzt einer der Frauen an den Arsch langen würde. Hätte es sie womöglich sogar erregt, weil sie der Greis bisher nie so angefasst hatte? Hätte mich der Greis auf der Stelle – wie im Hollywood-Film “Murder in the first” – mit einem Löffel erstochen (im Iran benutzt man ja keine Messer)? Oder wie würden beispielsweise die Bärte in der Lobby reagieren, wenn man jetzt kurzerhand auf einer Grossleinwand in der Eingangshalle “Submission” von Theo Van Gogh und Ayaan Hirsi Ali ausstrahlen würde? Würden sie den Kurzfilm überhaupt verstehen? Oder wären sie zu beschränkt dafür?

Heute sehne ich mich nach Tadschikistan. Nach den tadschikischen Frauen – Musliminnen – die in ihren glitzernden Festkleidern zufrieden durch die Strassen von Duschanbe schlendern. Nach den tadschikischen Männern – Muslimen – die sich nicht beherrschen müssen, wenn sie ein Stück nackte Haut sehen, die auf der Strasse auch einer Frau in die Augen sehen können, ohne dabei gleich ein steifes Glied zu kriegen. Ich freue mich auf Qazwin, auf die Regionen am kaspischen Meer und auf Teheran, auf einen Iran, in welchem Menschen Leben, die auch ein Leben führen, welches sich ausserhalb ihrer Religion abspielt.

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