Apr
18

Politik im Taxi, Provinzstadt und humanitäre Ethnofreaks

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Ungefähr um zwei Uhr nachmittags verliess ich die ziemlich sympathische Stadt Sfax mit dem Kollektivtaxi Richtung Ben Guerdane. Wie üblich, schlief ich zunächst einmal etwas über eine Stunde. Lustigerweise kann ich in einem Bett – auch wenn ich todmüde bin – oft während bis zu zweier Stunden nicht einschlafen, doch wenn es rattert, holpert und quietscht schlafe ich wie ein Engel. Sei es auf einem Flug einer afrikanischen Billigairline, in einem iranischen Nachtbus oder eben in einem tunesischen Kollektivtaxi. Auch die Frau neben mir, die mit ihrer penetranten Mickey-Mouse-Stimme fast ununterbrochen mit dem Typen hinter mir gequatscht hat, sprich, mir direkt ins Ohr geschrien hat, schien mich nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Doch nachdem ich in den Wachzustand zurückgekehrt war, mir ein bisschen die Umgebung anschaute und dem Gespräch meiner Mitreisenden lauschte, hörte ich mit meinen minimalen Arabischkenntnissen heraus, dass es sich um eine ziemlich energische Diskussion über den Krieg in Libyen handeln musste. Später sprach ich einen der Typen auf Französisch darauf an, so wurde dann, so gut es ging, auf Französisch weiter diskutiert. Doch ihre Meinungen entpuppten sich als ziemlich unspektakulär. Trotz der geographischen Nähe zu Libyen handelte es sich auch bei ihnen nur um Menschen, die den von CNN und Al-Jazeera vorgekauten Mist nachplapperten. Gaddafi muss raus, und der Konflikt wird länger dauern. Na ja, was hätte man sonst erwarten können? Wenn sogar unsere Medien nicht unabhängig genug sind, um eigene Standpunkte vertreten zu können. Die meisten Medien sind so was Ähnliches wie Kühe. Desinteressierte Wiederkäuer.

Was mich aber viel mehr beeindruckte an der Diskussion meiner Mitreisenden war diese sagenhafte Empathie der Tunesier. Es ist bereits nicht ganz selbstverständlich, dass ein Land, welches selbst gerade eine Mini-Revolution hinter sich und ein massives Problem mit der Arbeitslosigkeit hat, sich sofort bereit erklärt, die Grenzen für die Abertausenden von Flüchtlingen aus dem Nachbarsland zu öffnen, diese auf seinem Boden – zumindest vorübergehend – beherbergt, ihnen Schutz gewährleistet, und dies im Bewusstsein, dass ein grosser Teil dieser Menschen, das Land nicht so rasch wieder verlassen wird. Und so betraf auch eine der ersten Bemerkungen des Typen hinter mir die sudanesischen und somalischen Flüchtlinge, die nun auf tunesischem Boden zwar provisorisch in Sicherheit seien, aber keine längerfristige Lösung hätten. Ich finde es echt erstaunlich, dass sich die Tunesier – insbesondere zum heutigen Zeitpunkt – solche Gedanken machen.

Nachdem wir die ausgesprochen sympathisch wirkende Kleinstadt Medenine passiert hatten und immer öfter Strassenschilder auf die libysche Grenze und Tripolis hinwiesen, begann sich allmählich die Umgebung etwas zu verändern. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass es hier unten, abgesehen von dem bis vor kurzem florierenden Handel mit Libyen, nicht viel zu holen gibt. Die Landschaft wurde immer karger, wir überholten Pickups, auf deren Ladeflächen sich Frauen mit farbigen Kopftüchern den Platz teilten, und die Polizei- und Militärpräsenz schien etwas zuzunehmen.

Nach knapp fünfstündiger Fahrt erreichten wir schliesslich das Provinznest Ben Guerdane, welches ziemlich – mir fehlt der passende deutsche Ausdruck – rough auf mich wirkte. Während ich mich in Sfax auch mitten in der Nacht durch die finsteren Medina-Gässchen bewegt und dabei sicher gefühlt hatte, überkam mich hier schon bei Abenddämmerung ein etwas mulmiges Gefühl. Dennoch machte ich einen kurzen Spaziergang durch das Städtchen. Besonders spannend scheint Ben Guerdane nicht zu sein.

Am meisten beeindruckten mich die Strassenschilder. Tripolis. Wie gerne würde ich jetzt sehen, was sich dort wirklich abspielt. Wie viele dieser Al-Jazeera-animierten Proteste gibt es wirklich? Wie ist die Stimmung in der Stadt? Sehe ich mehr grüne Fähnchen oder mehr Flaggen der ehemaligen libyschen Monarchie? Wird auch mit den jeweiligen Fähnchen gewedelt, wenn weder die Animatoren aus Katar und den USA noch das libysche Staatsfernsehen anwesend sind? Fragen über Fragen. Aber Tripolis ist Tabu. Schliesslich habe ich meiner Mutter versprochen, dass ich schön brav in Tunesien bleibe. Und manchmal wissen es Mütter ja wirklich besser.

Merkwürdigerweise werde ich hier immer wieder gefragt, ob ich Journalist sei. Dies hat wohl weniger damit zu tun, dass ich hin und wieder ein paar Fragen stelle und insgeheim einen Blog schreibe, sondern eher damit, dass ich alleine unterwegs bin und es hier zurzeit kaum Touristen gibt. Die wenigen Ausländer, die sich diese Tage hier herumtreiben, sind offenbar Journalisten oder Mitarbeiter diverser NGOs. Und dass ich bisher nicht zu letzteren gezählt wurde, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass ich nicht wie diese humanitären Ethnofreaks durch die Gegend spaziere.

So stiess ich, als ich mich vorher in eines der wenigen geöffneten Restaurants setzte, auf eine Gruppe von als NGO getarnten Hippietouristen und war entsetzt. Ich fragte mich schon, wer denn solche Affen bezahlt, und freute mich auf Streitgespräche mit Freunden in der Schweiz über den Sinn und Unsinn der Unterstützung dieser ganzen Selbsthilfe… ähm… Hilfsorganisationen. Gott sei Dank, stellte sich nach einem kurzen Gespräch dann doch heraus, dass es sich bei diesen Paradiesvögeln ausschliesslich um Freiwillige handelte. Um meiner Leserschaft eine vage Vorstellung dieses Horrorszenarios zu verschaffen, möchte ich diese Bande anhand einiger Beispiele präsentieren. Der älteste Volunteer war so gegen die sechzig Jahre alt, sensibel und leicht tiefsinnig wirkender Typ mit fettigem Haar, grauem Bart, violettem Hemd und einem gelben T-Shirt darüber. Um den Hals trug er eines dieser Komm-wir-ziehen-in-den-Krieg-für-den-Frieden-Arafat-Tücher. Der zweite war dann mehr so eine Mischung zwischen Old Shatterhand und Bud Spencer. Nach dem regulären Nachtessen bestellte er in einem unglaublich arroganten Tonfall noch einen Extrateller Spaghetti. Er trug einen Cowboy-Hut mit der Aufschrift Canada. Um nicht auf alle anderen ebenso exotischen Erscheinungen näher eingehen zu müssen, ein paar Worte zur – allem Anschein nach – Chefin der Truppe. Auf den ersten Blick hätte ich getippt auf gescheiterte selbständige anthroposophisch angehauchte Naturheilerin, die zur Zerstreuung aber auch mal gerne Golf, oder zumindest Minigolf spielt. Jeden Satz, den sie in ihrem fürchterlichen amerikanischen Englisch aussprach, betonte sie so, als hätte sie damit gerade die Welt gerettet. Die Begegnung war insgesamt ein echt abstossendes Erlebnis!

Nun bin ich zurück in meinem wieder etwas günstigeren Hotel und im Zimmer unter mir wird – abends um neun Uhr! – gerade eine Wand herausgeschlagen. Morgen treffe ich vor meinem Besuch des Flüchtlingslagers Choucha den ersten Sekretär der Ortsverwaltung. Zum Glück habe ich zu Hause im letzten Moment doch noch einen Anzug und eine Krawatte eingepackt. Mein Ego-King-Clothing-Shirt hätte sich vor den tunesischen Behörden vielleicht weniger gut gemacht.

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