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Nairobi – eine Stadt, zwei Welten

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Nairobi. Eine Stadt. Zwei Welten. Gepflegt und öde. Oder schmutzig und lebendig. In sich widersprüchlich. Irgendwie schizophren. Die hässlichste mir bekannte Stadt, und doch vermisse ich sie bereits und schreibe im Flug nach Zürich diese Zeilen.

Nach einem Ausflug nach Eastleigh, das Somali-Viertel Nairobis, am ersten Tag meines Aufenthalts in Kenia verbrachte ich zwei Wochen fast ausnahmslos in der pseudo-heilen Welt, welche die so genannten „internationals“ für sich selbst geschaffen haben. Der grösste Teil des Westens Nairobis besteht aus protzigen Botschaften, Residenzen mit parkähnlichen Gärten, Villen irgendwelcher möchtegern-humanitärer Nichtregierungsorganisationen, teuren Hotels mit Swimmingpools und jeder Menge Sicherheitsvorkehrungen.

Die Menschen, die in dieser Welt leben, glauben, sie befänden sich in Afrika. In Wirklichkeit kennen sie nur ihren kenianischen Chauffeur, ihre kenianische Köchin, ihren kenianischen Gärtner, ihres kenianische Hausmädchen und ihr kenianisches Sicherheitspersonal. Am Morgen lassen sie sich von ihren abgesicherten Wohnresidenzen zu ihren abgesicherten Arbeitsresidenzen und am Abend wieder zurück chauffieren. Ihre Kinder besuchen abgesicherte internationale Schulen und sehen so viel von der Welt wie einst die wohlbehüteten Sprösslinge Michael Jacksons. Mit ihrem Fahrer wechseln sie abgesehen von den Anweisungen kaum ein Wort. Ihre beliebtesten Gesprächsthemen sind der Verkehrsstau und die Sicherheit. Um das abgeschottete Leben in ihrer heilen Welt irgendwie legitimieren zu können, reden sie sich ein, dass ein Leben ausserhalb ihrer selbst errichteten Mauern verantwortungslos wäre. So ist es Mitarbeitern einiger ausländischer Vertretungen verboten, ein Matatu zu benutzen oder in Eastleigh einkaufen zu gehen. Manche dürfen ohne Spezialbewilligung nach achtzehn Uhr ihre Residenzen nicht mehr verlassen. Manchmal zeigen sie sich dann doch von ihrer besonders mutigen Seite und gehen spätabends noch aus. Selbstverständlich auch im Westen der Stadt. Und wenn sie dann in den überfüllten Klubs an ihren Drinks nippen, sich dabei die minderjährigen Nutten ansehen und auf dem Weg zum Chauffeur oder zum Taxi von kleinen Kindern angebettelt werden, dann denken sie: das ist halt Afrika.

Nairobi besteht aus zwei Welten. In der einen sticht der Dreck aus der Schönheit hervor, in der anderen die Schönheit aus dem Dreck. Der Chauffeur, die Köchin, der Gärtner, das Hausmädchen, die Sicherheitsleute arbeiten in der einen und leben in der anderen. Die so genannten „internationals“ arbeiten und leben in der einen und kennen die andere nicht.

Ich hatte das Glück, dass ich meinen Aufenthalt – der sich gezwungenermassen hauptsächlich in der einen Welt abspielte – mit einem Besuch in der anderen beginnen und abschliessen konnte und so einige bewundernswerte Menschen kennenlernen durfte.

Auch während meiner zwei Wochen in der einen Welt ist es mir gelungen, stets meine Oasen aus der anderen Welt zu finden. Beispielsweise in Gesprächen mit dem uns zugeteilten Chauffeur, einem bescheidenen und rechtschaffenen Mann, der vermutlich manche Laune seiner Kunden über sich ergehen lassen musste und dennoch immer anständig blieb. Als ich ihn in einer freien Stunde zwischen zwei Terminen in einem der zahlreichen schicken Restaurants auf eine Cola einlud, sprach ich ihn auf die zwei Welten Nairobis an und gab ihm zu verstehen, dass mich das anwiderte. Ihm schien vor Erleichterung, dass endlich jemand dieses Missverhältnis wahrnimmt, ein Stein vom Herzen zu fallen. Seither verstanden wir uns noch besser als zuvor.

Heute begleitete er meinen Kollegen und mich noch einmal nach Eastleigh. Ausnahmsweise nicht als Fahrer, sondern als Passagier. Es regnete stark. Zu afrikanischem Reggae und billiger Popmusik fuhr das überfüllte Matatu durch die mit riesigen Pfützen gefüllten Schlaglöcher in das somalische Shoppingparadies (auf den Stadtplänen der „internationals“ tief in der rot eingefärbten „no-go-area“). Eastleigh ist das faszinierende Handelszentrum Nairobis (siehe Blog vom 5. März 2011), angetrieben von den faszinierendsten Händlern Afrikas, den Somalis (in welchem anderen Land werden nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg in Bars oder auf dem Markt die Rechnungen per Mobiltelefonüberweisung beglichen?). Obwohl die meisten Somalis als Flüchtlinge oder als Illegale in Kenia leben, gelten sie eher als reich, was auf einige in Eastleigh lebende Geschäftsleute auch zutrifft. Dies zeigen auch die überrissenen Preise für Mietwohnungen. Dennoch befindet sich das Viertel im heruntergekommenen Osten der Stadt, und die Stadtverwaltung schert sich einen Dreck darum, etwas zur Verbesserung der Infrastruktur beizutragen (weshalb sich die somalischen Einwohner kürzlich auch dazu entschlossen haben, keine Steuern mehr zu bezahlen). Polizeipräsenz gibt es kaum. Die Beamten fürchten sich vermutlich vor der somalischen Eigendynamik. Nur hin und wieder gibt es Zeitungsmeldungen über Razzien oder ein paar durch die kenianische Polizei erschossene Somalis. In der Regel haben die Bewohner ihr Viertel selbst im Griff. So haben Kriminelle weniger die Justiz als den Mob zu fürchten. Wir sahen selbst, wie auf der anderen Strassenseite ein Dieb mit Stöcken blutig geschlagen wurde. Die aufgebrachte Menge bewies, dass Kriminalität in diesem Viertel nicht erwünscht ist.

Nach ein paar Stunden in Eastleigh gingen wir in den angrenzenden Slum Mathare Valley weiter. Während sich die „internationals“ über Verkehrsstau und Sicherheit unterhalten, gehören hier Bildung, HIV oder der Zugang zu Wasser zu den wichtigeren Gesprächsthemen. Unser Fahrer und Freund machte uns mit einem Mann bekannt, den ich so schnell nicht vergessen werde. Ein ausgebildeter Lehrer, der sich aus purer Nächstenliebe dazu entschloss, in diesem elenden Slum mit bescheidensten Mitteln eine Schule zu gründen. Sein Hauptziel bestand darin, die Kinder von der Strasse, dem Alkohol, den Drogen, der Prostitution fernzuhalten und ihnen eine Zukunftsperspektive zu verschaffen. Der stolze Mann managt heute eine Schule mit über zweihundert Kindern. Für umgerechnet etwa hundertfünfzig Franken mietet er mehrere Räume in Wellblechhütten. Seine Ehefrau führt die Bibliothek. Mehrere Lehrer arbeiten als Freiwillige und werden je nach Einnahmen eher symbolisch für ihre Dienste entschädigt. Das Schulgeld für ein Kind beträgt drei Franken im Monat. Manchmal kommen Eltern Ende Monat weinend beim Manager vorbei, weil sie das Schulgeld nicht bezahlen können. Da drückt er jeweils ein Auge zu. Wenn ein Kind mit leerem Magen zur Schule kommt, schickt er es mit ein wenig Kleingeld zum Slumkiosk, damit es sich danach im Unterricht besser konzentrieren kann. Mittlerweile ist die Schule von sechs bis achtzehn Uhr geöffnet. Je weniger die Kinder von den Missständen im Slum mitkriegen, desto bessere Menschen sollen sie werden. In den letzten fünfzehn Jahren habe sich bereits einiges geändert im Slum. Man habe ein Bewusstsein für die HIV-Problematik entwickelt, Kinder seien auf Grund der Schule immer weniger auf schiefe Bahnen geraten, und die Kriminalität sei zurückgegangen. Der Schuldirektor erzählte uns eine Anekdote, die den Einwohnern von Mathare Valley besonders im Gedächtnis geblieben sei.

Ein Familienvater sei nach beinahe zwanzig Jahren in den Slum zurückgekehrt, um seine Familie zu besuchen. Der mittlerweile erwachsene Sohn habe den gut gekleideten Herrn niedergestochen und ausgeraubt. Am Abend habe er seine Mutter weinend vorgefunden. Sie habe ihm vom schrecklichen Tod seines Vaters, den er nie gekannt hatte, erzählt.

Diese und andere Geschichten haben die Bevölkerung von Mathare Valley dazu gebracht, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und ohne Hilfe von aussen ein Viertel aufzubauen, in welchem sich wieder leben lässt.

Während hier unter schwierigsten Verhältnissen eine Zukunft geschaffen wird, sitzen im Westen der gleichen Stadt „internationals“ aus zahlreichen Ländern in klimatisierten Büroräumen, teuren Hotels und schicken Restaurants und überlegen sich, wie sie am besten ihre Millionen für die Entwicklungszusammenarbeit verpulvern könnten. Die Slumschule von Mathare Valley haben sie nie gesehen.

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2 Comments

1

Leider bestätigst Du in diesem hervorragenden Bericht meine schlechte Meinung über die “internationals”. Fast schon beschämend wie dir Freunde solche eindrücklich Einblicke gewährten… aber wer kann deiner offenen Art… Scharfsinn und Charme wiederstehen? Weiter so!

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Djambo,
Sorry, solch selbstgefälligen Typen wie Du sind mir ein Rätsel. Ich lebe seit zwei Jahren in Nairobi, bin Deutsche und Expat, oder wie Du es lieber sagen möchtest “International”. Ich habe Freunde in Eastleigh, kenne Menschen in Kibera und gehe durchaus abends und nachts aus, egal in welche Gegend. Ich habe keine Ahnung wie lange Du hier warst, aber nur weil Du als Mzungu mal einen auf verständnisvoll und hilfsbereit gemacht hast, hast du hier noch lange keinem geholfen. Du bist das perfekte Beispiel für einen Aussenstehenden der nur schwarz oder weiß sehen möchte. Nairobi ist mehr als Einheimische, Slums, Expats und Suburbs wie Runda, Muthaiga u.ä.. Nairobi ist die lebendigste Stadt in Afrika, mit einer Facette die Du in jeder afrikanischen Großstadt antreffen wirst. Falls Du Dich da auskennst.
Kwaheri

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