Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen
ByHuuu wo soll ich anfangen? Heute war ein sehr intensiver Tag. Ich bin zwar sonst in fremden Laendern sehr ungern mit einem Art “Guide” unterwegs, doch ich muss ehrlich sagen, dass der 19-jaehrige Afghane, der uns heute durch Herat fuehrte, eine grosse Hilfe war. Als Auslaender mit geringen Farsi-, geschweige denn Dari-Kenntnissen waere man alleine in Herat wohl etwas aufgeschmissen. Zudem waren die Gespraeche mit ihm und anderen Afghanen sehr interessant. Ich moechte jetzt hier keine Zeit damit verlieren, Euch ueber die Sehenswuerdigkeiten von Herat zu erzaehlen (aber als kleine Bemerkung am Rande: Herat ist eine der wichtigsten historischen Staedte Zentralasiens). Ich moechte lieber ueber die Dinge sprechen, die Afghanistan zurzeit leider in der ganzen Welt bekannt machen. Und dies sind nunmal nicht die Mausoleen und die Festungen Alexanders des Grossen, sondern die Taleban und die amerikanischen Besatzungstruppen. Um es kurz zu machen: Die Afghanen scheinen sich in dem Punkt einig zu sein, dass es nicht das Ziel der Amerikaner war oder ist, die Taleban auszuloeschen. Das ist ja auch kein Geheimnis und duerfte jedem passiven europaeischen Zeitungsleser bereits aufgefallen sein. Zudem teilen Sie meine Vermutung, dass sowohl die USA als auch Pakistan hinter der Bewegung der Taleban stehen und diese foerdern. Auch der Iran wird als Foerderer der Taleban betrachtet. Allerdings scheinen auch die Afghanen nicht genau zu wissen, weshalb dem so ist. Die Motive hinter dem Interesse an einem weiterhin unsicheren und gefaehrlichen Krisenherd Afghanistan bleiben den betroffenen Menschen verborgen. Fakt ist, dass nur einige wenige Staedte wie Herat, Kabul, Mazar-i Sharif und kleinere Staedte in den zentralen Provinzen des Hazarajat einigermassen sicher sind, und dass der Rest des Landes sowohl fuer Afghanen als auch fuer Auslaender hoechstgefaehrlich bleibt. So wuerde ein Afghane aus Herat keinesfalls auf dem Landweg nach Kabul fahren. Problematisch sind in diesem Fall nicht nur die Taleban, die insbesondere in den suedlichen Provinzen wie Qandehar und Helmand noch stark vertreten sind, sondern auch gewoehnliche Kriminelle, die mittels Entfuehrungen und Gelderpressungen ihr taegliches Brot verdienen. Vor diesem Hintergrund erstaunt es kaum, dass die Afghanen das Vertrauen in die grossen Weltmaechte verloren haben. Zuerst haben die USA die Taleban (indirekt) hervorgebracht. Dann haben sie mit dem Vorwand, dieselben Taleban zu vernichten, Afghanistan angegriffen. Und heute, fast neun Jahre nachdem sie den einaeugigen greisen Anfuehrer dieser Koranschueler auf einem Motorrad davonfahren liessen, fuehren sie immer noch einen Scheinkrieg gegen einen Scheinfeind. In einem Land, in welchem weder die Werte der Taleban noch jene der Amerikaner willkommen sind. Gegen eine Bevoelkerung, die sich lediglich nach Sicherheit sehnt. So mag es auch nicht erstaunen, dass die Afghanen kein Vertrauen in die Marionette Karzai haben. So vemutet man in Herat den Praesidenten Karzai hinter dem Anschlag auf den Sohn Ismail Khans, des grossen Mannes und einstigen Gouverneurs von Herat. Auch die Versetzung Ismail Khans in ein unbedeutendes Ministerium wird aehnlich interpretiert. Khan hat zu viel Gutes fuer Herat geleistet und wurde dem Praesidenten und seinen Falken zu einflussreich. Es ist traurig mitanzusehen, wie viele motivierte und engagierte junge Leute dieses Land besitzt und wie klein deren Moeglichkeiten sind, sich fuer ihr eigenes Land einzusetzen und an dessen Aufbau teilzuhaben. Es ist traurig, dass ein junger afghanischer Polizist nach einem Angriff seitens der Taleban die anwesenden amerikanischen Soldaten fragen muss, weshalb sie ihm nicht geholfen haben. Es ist traurig, dass er sich dann anhoeren muss, diese haetten von nichts gewusst, und er verstehe ja nicht einmal richtig Englisch. Es ist auch traurig, dass ein junger Afghane auf seinem Motorrad erschossen wird, nur weil er den Sicherheitsabstand zum italienischen Militaerfahrzeug offenbar leicht ueberschritten hat. Hierzu gaebe es wohl unzaehlige weitere Beispiele. Die Afghanen fuehlen sich hintergangen, auf gut Deutsch verarscht. Und zwar von allen Seiten. Kein Wunder. Der moderne Staat Afghanistan wurde ja quasi als Pufferzone zwischen Russland und Britisch-Indien gegruendet. Und diese Funktion scheint das Land noch heute auszuueben. Nur heissen die Nachbarlaender heute Amerikanisch-Pakistan und Erdgas-Turkmenistan. Die Geschichte bleibt dieselbe, nur die Schauspieler wechseln. Und Afghanistan hat in dieser Geschichte leider die Arschkarte gezogen.
“Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen”
Ich mag zwar den Titel diese Buches nicht, dennoch beschreibt er das Schicksal dieses Landes sehr deutlich. Dieses Buch handelt nicht direkt vom politischen Geschehen in Afghanistan, doch die Geschichte der intelligenten und selbstbewussten Afghanin Shirin-Gol ist unfreiwillig mit der Politik des Landes verbunden. Geschrieben hat das Buch die Iranerin Siba Shakib. Sehr empfehlenswert.
2 Comments
April 16th, 2010 at 8:19 pm
“Die Geschichte bleibt dieselbe, nur die Schauspieler wechseln.” – So true!
Take care of you over-there!
April 18th, 2010 at 7:30 am
ich bin auch nach wie vor der Meinung es geht nicht um Afghanistan… nicht um die “zu befreiende” Bevölkerung… nicht um die Taleban. Die strategische Lage ist von grossem Interesse. Russland einerseits… wichtiger erscheint es mir denen dem Iran im Nacken sitzen zu können.
Weiterhin gute und hoffentlich eine sichere Reise!