“Ich bin ein Afghane!”
By(Fortsetzung von “Buerokratie”) Aber jetzt zurueck zum Leben. Wenn ich mich richtig erinnere, leben im Iran nach offiziellen Angaben ungefaehr zwei Millionen afghanische Fluechtlinge. Diese Information sollte reichen, um sich die afghanische Botschaft in Teheran vorstellen zu koennen. Das Bild ist vielleicht vergleichbar mit einer Gassenkueche in einer wirklich armen Gegend. Und manche Afghanen kreuzen waehrend einer Woche jeden Morgen bei der Botschaft auf, weil die Kapazitaeten der Botschaft keinesfalls dazu ausreichen, die Anliegen aller Migranten zu behandeln. Aber im Unterschied zu den reichen, fetten und arroganten TeheranerInnen sind die AfghanInnen geduldig und respektvoll im Umgang mit Ihren Mitmenschen. Auf der Bank sprach mich ein 19-jaehriger Afghane in ziemlich gutem Englisch an. Seine Familie lebt in verschiedenen afghanischen und iranischen Staedten. Er selbst stammt aus dem afghanischen Norden, aus Sar-e Pol. Nach mehreren Jahren im iranschen Qom kehrt er nun alleine nach Kabul zurueck, um dort zu arbeiten. Falls er Probleme haben sollte, kehre er wieder in den Iran zurueck. Als er dem iranischen Bankangestellten den Einzahlungsschein und die paar Muenzen hinhielt, wurde er von diesem weder gegruesst noch angeschaut. In der Gestik des Angestellten lag starke Verachtung. Dem jungen Afghanen schien dies nichts auszumachen. Er schien dankbar zu sein, dass er ueberhaupt hier leben kann. In einem Land, in welchem die Afghanen grundsaetzlich nicht erwunescht sind. Als ich ihm anbot, mit unserem Taxi zur Botschaft zureck zu fahren, damit es ihm reiche, heute noch die Quittung abzugeben, war er mehr als ueberrascht. Mit solchen Angeboten rechnet ein Afghane im Iran nicht. Er waere zu Fuss hingegangen, was mindestens eine Stunde in Anspruch genommen haette. Es haette ihm nicht mehr gereicht. Er haette vermutlich draussen uebernachtet und haette es morgen wieder versucht. Das nenne ich Stolz. Afghanischer Stolz. Trotz ewiger Benachteiligung, Unterdrueckung und Verachtung von allen Seiten blieb der Junge anstaendig, respektvoll und dankbar. Eine gesunde Art von Stolz. Eine Eigenschaft, die ich immer wieder bei Afghaninnen und Afghanen entdecke. Und wenn ich sehe, unter welchen Umstaenden diese Afghaninnen und Afghanen seit langer Zeit leben muessen und dennoch diese positive Eigenschaft wahren, dann zerreisst es mir einerseits fast das Herz, und andererseits macht es mich gluecklich, dass es auf unserer Welt noch solche stolzen Menschen gibt.
Vor der Botschaft habe ich mich auch mit ein paar anderen Afghanen unterhalten. Ueber die Lage in Afghanistan, ueber die Situation der Afghanen im Iran, und ich waere gerne noch laenger dort geblieben. Ich fuehle mich von diesen Menschen angezogen und irgendwie mit ihnen verbunden. Ich freue mich verdammt fest auf diese zwei, drei Tage in Herat und hoffe, dass es nicht mein letzter Afghanistan-Besuch sein wird. Waere ich JFK, wuerde ich in Herat aus dem Bus aussteigen und schreien: “Ich bin ein Afghane!”