Amöben, antike Löwen und die europäische Vulkanhysterie
ByEigentlich hätte ich in Afghanistan noch weiter schreiben wollen, doch die Zeit verging, es gab viel zu sehen und zu diskutieren, und am Tag vor der Abreise schien ich etwas Übles gegessen zu haben, so dass die Rückreise nicht gerade angenehm verlief. Den Sonntag Morgen verbrachte ich zwischen Bett und Toilette, ein afghanischer Freund besorgte mir in der Apotheke ein pakistanisches Medikament, und um 14:00 ging dann die Reise Richtung Iran los. Begleitet von Bauchschmerzen, Übelkeit und einem Afghanen aus Deutschland fuhren wir während ungefähr acht Stunden mit dem Taxi von Herat nach Mashhad in den Iran zurück. Davon gingen wohl etwa zwei Stunden am Zoll drauf. Die afghanischen Beamten sind ja völlig in Ordnung. Wenn man bedenkt, dass die Polizei im Grenzgebiet von Herat eine Art Pilotprojekt für Afganistan ist, und dass die Löhne dieser Beamte miserabel sind, dann würde ich sogar meinen, dass sie ihren Job verdammt gut machen. Bestimmt besser als die ausländischen Truppen, die ihr Land besetzen, und bestimmt besser als ihre iranischen Kollegen. Unser iranischer Taxifahrer (derselbe wie bei der Hinreise) machte bei etlichen Kontrollen vor der Grenze wieder ein paar hundert Tuman locker, die Beamten strahlten und freuten sich auf seinen nächsten Besuch. Am Zoll wurde das Gepäck zwar mehrmals ausgepackt, aber alles in einem anständigen Rahmen. Wäre mir nicht so verdammt übel gewesen, hätte ich mich wohl darüber amüsiert. Bereits die afghanischen Zöllner prüften insbesondere zwei Gegenstände in meinem Gepäck eingehend: Eine metallige Vase und eine Figur eines Löwens. Beides habe ich bei einem Trödler in Herat gekauft, der seit vierzig Jahren (zumindest) antik(e) (aussehende) Artikel an die wenigen Touristen und ausländische Soldaten verkauft. Die meisten seiner Waren sind wohl halb so antik, als er angibt, aber es dürften doch einige darunter sein, von denen er wohl selber nicht weiss, dass sie tatsächlich alt und womöglich wertvoll sind. Wie dem auch sei, die Zollbeamten sollten natürlich dafür sorgen, dass keine alten wertvollen Kulturgüter gestohlen, verkauft und ausgeführt werden. Denn schliesslich sollten diese in einem afghanischen und nicht in einem britischen oder französischen Museum landen. Und die Beamten prüften meine Vase und meinen Löwen genau. Die beiden Objekte gelangten von einem Zöllner zum nächsten, dann verschwand mal einer für eine Minute, ein anderer kam mit den Souvenirs wieder zurück, mal stellten sie sie mir wieder hin, mal nahmen sie sie wieder weg. Aber nach einiger Zeit schienen sie sich einig zu sein, dass die beiden Dinge nicht in ein Museum gehören und gaben mir sie definitiv zurück. Bei der offiziellen Passkontrolle (das war bei Weitem nicht die einzige Kontrolle, bei welcher wir den Pass vorweisen mussten) gab es dann Foto-Sessions. Offenbar waren zwei Schweizer Touristen ein paar Schnappschüsse für’s Familienalbum wert. Die Kontrolle verlief dann ganz angenehm, alle waren glücklich und “see you tomorrow”. Die Kollegen von der Kontrolle um die Ecke warfen uns dann vor, dass sie uns doch schon bei der Einreise gemahnt hätten, dass Fotografieren an der Grenze nicht erlaubt sei. Als wir sie darauf aufmerksam machten, dass wir auf Wunsch der Zöllner hingehalten hätten, trugen sie den Verstoss gegen das Gesetz mit Fassung. Wir verliessen Afghanistan mit einem guten Eindruck von seinem Volk und seinen Beamten. Unser deutsch-afghanischer Freund entschuldigte sich mehrmals für das inkorrekte Verhalten seiner Landsgenossen, und wir versuchten ihm zu erklären, dass uns dieses Verhalten sympathischer sei, als jenes europäischer Beamte. Die iranischen Zöllner waren dann unseren Beamten wieder viel ähnlicher. Unfreundlicher, pseudo-korrekter, verkrampfter. Eben Beamte. Und die Löwen-Vase-Geschichte begann von vorne. Offenbar waren die beiden Souvenirs doch Kandidaten fürs Museum. Aber dann wäre mir der Löwe im Zimmer meines Bruders doch besser aufgehoben als im Zimmer des iranischen Zöllners oder auf dem iranischen Schwarzmarkt. Nach mehrmaligem Herumgeben, Hinstellen, Wegnehmen, Nachfragen hiess es “Problem” und Mitkommen auf die Station. Mein deutsch-afghanischer Freund begleitete mich als Dolmetscher, und meine bescheidenen Farsi-Kenntnisse brachten mir wohl weniger Sympathien als Misstrauen ein. Die Verhandlung auf dem Posten dauerte wohl ungefähr eine halbe Stunde. Viele Fragen, viele Antworten, einige Telefonate. Ja, wir haben den Löwen für zehn Dollars auf dem Bazar gekauft. Nein, er ist nicht antik. Ja, es gab noch zehn genau gleiche Vasen mit dem genau gleichen Muster drauf. Ja, die afghanischen Zöllner haben die Objekte auch schon geprüft und festgestellt, dass sie nicht antik sind. Je mehr Fragen, desto mehr glaubte ich selbst daran, dass sie womöglich doch antik waren. Und der iranische Beamte ging mir mächtig auf den Sack. So ein richtiger Arschloch-Beamter. Er ging sogar so weit, dass er sagte, ich müsse wohl wegen dem Löwen den Flug verschieben. Nach tausend Fragen und tausend Antworten kam er dann – ohne Bestechung! – zum Schluss, dass ich die Dinge behalten dürfe. Und er fügte hinzu, dass ich nun aber nicht überall schlecht über die iranischen Beamten sprechen soll (An dieser Stelle meine hochoffizielle Reue. Ich habe es doch getan, mein lieber Freund!). Nach weiteren Kontrollen und weiteren Stunden im Taxi kamen wir dann am Flughafen von Mashhad an. Bereits in Afghanistan haben wir natürlich von den unglaublichen Auswirkungen des Eyjafjallajökull auf das Gemüt und den Luftraum der Europäer gehört, aber dass unser türkischer Fluggesellschaftstyp im Iran dermassen verstört sein würde, hätten wir nicht erwartet. Nein, wir können Sie unmöglich nach Istanbul fliegen lassen, dort gibt es weder Flüge noch Hotels noch sonst irgendwas. Und überhaupt, Schweizer brauchen für die Türkei ein Visum. Nach etwa einer halbstündigen Diskussion stellte er uns dann das Ticket aus. Unter der Bedingung, dass wir einen türkisch geschriebenen Fresszettel unterschrieben, auf welchem gemäss seinen Aussagen stand, dass er keine Verantwortung dafür übernehme, wenn wir in Istanbul verloren seien und nicht weiterkämen. So durften wir nach etwa drei Stunden tatsächlich die Maschine besteigen und kamen um sechs Uhr morgens in Istanbul an. Dort wurden wir abgeholt und standen vor der Wahl, ob Hotel, Barcelona, Wien oder Milano. Das nenn ich osmanische Gastfreundschaft. Eine Stunde später sassen wir im Flugzeug nach Milano und freuten uns auf eine nur dreistündige Heimreise im Zug. Kurz vor der Landung hiess es aber “This is your Captain speaking…” Willkommen in Rom. Offenbar wurde über dem Milaneser Himmel ein schwarzes Wölkchen gesichtet, und die europäischen Alarmglocken schlugen bis zu unserem türkischen Captain hoch oben über den Wolken. Irgendwie erinnert mich diese Vulkangeschichte an die Schweinegrippe. Wieder mal so eine total aus jeglichen Relationen gerissene durch die Medien aufgepimpte Story, die globale Hysterie verbreiten kann. Apropos Relationen. Ich würde meinen Kopf darauf verwetten, dass die Chance, während eines Meters Taxifahrt durch Teheran umzukommen, um einiges grösser ist, als jene, dass ein Flugzeug abstürzt, nachdem es durch eine schwarze Wolke geflogen ist. Und wenn wir schon dabei sind: ein Verkehrsunfall in Teheran ist auch mindestens hundertmal realistischer als in Herat, Afghanistan bei einem Bombenanschlag ums Leben zu kommen. Aber gewisse Dinge machen uns eben mehr Angst, weil wir sie dauernd lesen und hören müssen. Wie dem auch sei, man kommt auch innerhalb von acht Stunden mit dem Zug von Rom nach Bern, wenn alle Züge, die von Italien in die Schweiz verkehren, während den nächsten vier Tagen ausgebucht sind. Und dies sogar für weniger Geld. Hiermit mein Mitleid für diejenigen, die aufgrund der europäischen Vulkanhysterie immer noch an den unzähligen überfüllten Ticketschaltern stehen und auf ihr Glück warten. Sorry, ich hab keine Zeit für solchen Scheiss! “Früählig in Bümpliz” muss raus und ich sollte wieder arbeiten gehen!
Was das pakistanische Medikament betrifft, so erfuhr ich heute, dass es sich um ein Mittel zur Bekämpfung vom Amöben handelte.
Cheers