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		<title>Von spuckenden Hotelangestellten und kotzenden Kindern</title>
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		<pubDate>Sun, 05 Feb 2012 19:24:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Als ich vor etwas mehr als zwei Wochen meinen Koffer packte, verzichtete ich absichtlich darauf, ein Handtuch mitzunehmen. Ich ging davon aus, dass ich entweder in Hotels absteige, welche über Handtücher verfügen, oder aber in solchen, in welchen keine Dusche oder eine Dusche ohne Wasser vorhanden ist. Bis anhin ging der Plan sehr gut auf. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als ich vor etwas mehr als zwei Wochen meinen Koffer packte, verzichtete ich absichtlich darauf, ein Handtuch mitzunehmen. Ich ging davon aus, dass ich entweder in Hotels absteige, welche über Handtücher verfügen, oder aber in solchen, in welchen keine Dusche oder eine Dusche ohne Wasser vorhanden ist. Bis anhin ging der Plan sehr gut auf. Gestern war alles anders.</p>
<p>Im Minibus von Bahir Dar nach Debre Markos sass ich mit einer jungen Äthiopierin auf dem Beifahrersitz. Ich kam mit ihr – soweit es ihre Englischkenntnisse erlaubten – ins Gespräch und sie stellte mir in Aussicht, mir in Debre Markos ein Hotel zu zeigen. Ich fand diese Vorstellung ganz angenehm. Denn üblicherweise wird man an den Busbahnhöfen regelrecht von Hustlern überfallen. Deshalb reizte es mich irgendwie, diesen Typen zu zeigen, dass ich gerade von einer ihrer Landsfrauen in ein Hotel geführt werde. Und dies ohne Bezahlung. So geschah es dann auch. Die junge Frau brachte mich in ein billiges Hotel im Stadtzentrum. Gemeinsam mit ihrer Schwester, von welcher sie am Busbahnhof erwatet wurde, führte sie mich bis zum Zimmer. Erst als sie sicher war, dass nun alles erledigt war und ich mein Zimmer beziehen konnte, verabschiedete sie sich freundlich auf äthiopische Art – Händedruck mit der rechten Hand, rechte Schulter an rechte Schulter, schüchterne Umarmung mit dem linken Arm. Als ich sie einlud, mit ihrer Schwester und mir noch etwas zu trinken, lehnte sie höflich ab und ging nach Hause.</p>
<p>Ich stellte mein Gepäck ab, machte einen kleinen Spaziergang durch die Provinzstadt, ging etwas essen, besorgte mir endlich eine äthiopische SIM-Karte und checkte in einem Internet Café meine Emails. Am Abend schaute ich im Restaurant des Hotels ein Viertelfinalspiel des African Cup of Nations. Zumal die Äthiopier ganz klar hinter dem einzigen verbliebenen Vertreter des Horns von Afrika standen, kündigte ich an, dass ich bei jedem Tor der Sudanesen eine Runde ausgäbe. Leider blieb ich auf meinem Geld sitzen, und der Sudan unterlag Sambia kläglich mit 0:3. Als ich mich dann endlich im Zimmer installieren wollte, wurde mir allmählich bewusst, in welchem Dreckloch ich hier gelandet war. Bereits als ich das Zimmer bezogen hatte, beobachtete ich, wie der Angestellte noch rasch fünf leere Bierflaschen vom Nachttisch entfernt hatte. Und jetzt bestätigte sich meine Vermutung, dass das Zimmer wohl lange nicht mehr gereinigt worden war. Damit will ich nicht sagen, dass ich nicht schon in bescheideneren Unterkünften abgestiegen wäre. Ganz im Gegenteil, die Zimmer in Metemma und Awra Amba waren bezüglich Komforts weit von diesem entfernt. Doch in Awra Amba wurde mein Zimmer, welches aus erdigem Boden und Lehmmauern bestand, von einem Mann (sic!) säuberlich hergerichtet. Nachdem er mich gefragt hatte, ob ich in der Nacht noch lesen möchte, ersetzte er mir sogar die Glühbirne durch eine stärkere. Hingegen in Debre Markos wäre die Infrastruktur vorhanden gewesen, aber die Betreiber des Hotels – Frauen habe ich keine gesehen – waren einfach allesamt Schweine. Aber zumal das Zimmer schon über eine Dusche verfügte, wollte ich es mir nicht entgehen lassen, mich etwas zu erfrischen, bevor ich ins schmutzige Bett steigen würde. Der orange Schalter und die diversen Kabel an der Wand, mit welchen vermutlich das Warmwasser erzeugt werden musste, schienen mir schon ziemlich verdächtig. Aber der Gedanke an eine warme Dusche liess mich den Schalter betätigen. Und siehe da, es funktionierte. Als ich unter der Dusche stand, musste ich an den Bassisten der spanischen Musikgruppe Dusminguet denken, der bei einer Show in Mexiko durch einen Stromschlag ums Leben kam, weil es auf das defekte Kabel regnete, an welchem sein Bass angeschlossen war. Deshalb versuchte ich es tunlichst zu vermeiden, die Kabel an der Wand zu bespritzen. Soweit ging auch alles gut. Aber als ich den Wasserhahn zudrehen wollte, zuckte ich zusammen. Ich erlitt einen schwachen Stromschlag. Vorsichtig desaktivierte ich zunächst den orange Schalter und drehte dann mit den Fingerspitzen den Wasserhahn zu. Der Strom war nun fast nicht mehr spürbar. Nun stand ich nackt und nass im Badezimmer, und weit und breit war kein Handtuch zu finden. Nachdem ich dann auch im leeren Schrank keines gefunden habe, griff ich eben zum schmutzigen Kissenanzug.</p>
<p>Erwacht bin ich ungefähr um sechs Uhr, als die Angestellten des Hotels durch den Flur schrien, husteten und herumspuckten – wohl die Folge des übermässigen Khatkonsums. Irgendeinmal gewöhnte ich mich an den Lärm und schlief noch einmal eine gute Stunde weiter. Nach dem Frühstück – welches ich selbstverständlich nicht im Hotel eingenommen hatte – machte ich mich auf die Suche nach einem Minibus nach Addis Abeba. Es stellte sich ziemlich rasch heraus, dass das Angebot heute nicht mit der Nachfrage mithalten konnte. Es standen ungefähr hundert Personen am Strassenrand, welche nach Addis Abeba fahren wollten. Innerhalb einer Stunde machte sich genau ein einziger Minibus auf den Weg nach Addis. Gleichzeitig fuhren alle paar Minuten leere Busse vorbei, welche auf der Suche nach Passagieren für Bahir Dar waren. Ich kam mit einem Typen ins Gespräch, mit welchem ich dann verschiedene Strassenkreuzungen ausprobierte. Ohne Erfolg. Irgendeinmal fragte ich ihn, warum denn alle Leute am Strassenrand warteten und sich nicht an den Busbahnhof begaben. Er meinte, jemand hätte gesagt, dass die Busse hier an der Strasse fahren würden. Ich schlug ihm vor, dass einer von uns mit dem Gepäck wartete und der andere an den Busbahnhof schauen ginge. So machte er sich auf den Weg an den Busbahnhof und kam nach wenigen Minuten zurück. Es gab einen halb besetzten Minibus nach Addis Abeba.</p>
<p>Nach langem Warten und zwei gewaltvollen Auseinandersetzungen ging es dann endlich los. Der Bus war – wie üblich – randvoll besetzt. Ich sass mit drei anderen Typen auf der hintersten Sitzreihe. Der Fensterplatz diente mir nicht nur zum Fotografieren, sondern auch dazu, hin und wieder etwas Luft zu holen oder bei längerem Halt eine Zigarette zu rauchen. Schon bald waren wir mitten im Gebirge. Der Fahrer fuhr relativ unkontrolliert den Serpentinen entlang. Ich gebe zu, dass ich beim Autofahren oftmals etwas ängstlich bin. Und doch habe ich schon viele lange Busfahrten auf äusserst schlechten Strassen erlebt. Aber im Gegensatz etwa zu den usbekischen Taxifahrern, welche im Schlagloch-Slalom Weltmeister sind, hatte ich beim heutigen Fahrer ein sehr ungutes Gefühl. Nicht selten wären wir Duzende von Metern den Hang hinunter gerollt, wenn der Mann am Steuer die Kontrolle verloren hätte. Und nicht selten sah es danach aus, als würde er sie verlieren. Die Landschaft hingegen war – ganz objektiv betrachtet – überwältigend schön. Die ersten zwei, drei Stunden der Fahrt verliefen ohne grössere Zwischenfälle. Doch als die Strasse allmählich etwas steiler wurde, soff zum ersten Mal der Motor ab. Da ich überhaupt keine Ahnung von Autos habe, weiss ich auch nicht, was die Typen dann daran herumgebastelt haben. Jedenfalls schien der Motor zunächst wieder zu laufen. Doch dann wiederholte sich das Problem in regelmässigen Abständen von wenigen Minuten, manchmal sogar von Sekunden. Sobald der Bus jeweils wieder ins Rollen kam, war der Fahrer der Ansicht, dass er sämtliche LKWs und anderen Busse, welche uns während des Stillstehens passierten, wieder überholen musste. Kurz danach standen wir jeweils wieder still. Dieses Katz-und-Maus-Spiel zog sich über mehrere Stunden hin. Wenigstens musste ich mir nicht mehr allzu grosse Sorgen bezüglich des Rasens machen, zumal wir ohnehin nie mehr länger als zwei, drei Minuten am Stück fuhren. Auch Unfälle mit Kühen und Eseln kamen bei unserem eigenartigen Fahrrhythmus kaum mehr in Frage. Die Tiere hatten stets genügend Zeit dem holpernden Schrotthaufen auszuweichen.</p>
<p>Als ich bereits nicht mehr daran glaubte, dass wir mit diesem Bus die erforderlichen Höhenmeter schaffen würden, gelangten wir plötzlich auf ebenes Hochland. Ich dachte, Addis Abeba dürfte jetzt nicht mehr fern sein und stellte mich auf eine halbstündige Weiterfahrt ein. Weit gefehlt. Im nächsten Kaff – vermutlich war es Fiche – sollten wir nach fünfstündiger Fahrt zu Mittag essen. Ich bestellte mir bei einer Teefrau einen Kaffee. Wenig später fuhr der Fahrer unseren Bus leer davon. Als sich die Passagiere allmählich wieder dort versammelten, wo er vorher noch stand, gesellte ich mich auch wieder zu meinen Mitreisenden. Schuhputzer, Nussfrauen, Verkäufer von Biskuits und Kaugummis und beinlose Bettler mischten sich unter uns. Obwohl ich keinen Hunger und erst recht keine Lust auf trockene Nüsse hatte, kaufte ich einen Sackvoll, bezahlte der Frau mehr als Doppelte und verteilte die Nüsse an die mitreisenden Kinder. Weil das Warten ewig dauerte, kaufte ich in einem Geschäft Pepsi und Kekse, gab diese ebenfalls meinen Mitreisenden und anderen herumlungernden Kindern. Irgendeinmal kam dann tatsächlich unser Bus zurück. Dann hiess es, es würde nun alles auf einen anderen umgeladen. Ich fragte mich schon, ob sich dies für die verbleibende halbe Stunde noch lohnte. Zwei Stunden und zwei kotzende Kinder später wusste ich, dass es sich gelohnt hatte.</p>
<p>In Addis Abeba habe ich mir nun ein etwas besseres Hotel genommen. Warme Dusche, Wireless, saubere Bettlaken. Als ich vorher im Restaurant gegessen hatte, setzten sich drei italienische Familien mit insgesamt fünf adoptierten äthiopischen Kindern an die Tische neben mir. Vermutlich wollten sie ihnen ihre Heimat zeigen. Vermutlich kannten sie ihre Heimat gar nicht. Zumindest in diesem Hotel werden sie sie nicht finden. Als ich nach dem Essen an der Rezeption mein Zimmer bezahlte, waren zwei andere Touristen gerade dabei, auf eine Angestellte einzureden, weil sie für irgendetwas zu viel bezahlt hätten. Ich schämte mich und hoffte, dass die beiden Damen an der Rezeption mich nicht mit diesen Personen gleichstellten.</p>
<p>Irgendwie wünschte ich mir die spuckenden Hotelangestellten aus Debre Markos und die kotzenden Kinder aus dem Minibus zurück.</p>
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		<title>Von Misstrauen und Gastfreundschaft &#8211; Willkommen in Äthiopien</title>
		<link>http://www.tsigan.com/blog/general/von-misstrauen-und-gastfreundschaft-willkommen-in-athiopien</link>
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		<pubDate>Wed, 01 Feb 2012 19:44:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der erste Eindruck sagt oftmals viel über ein Land aus, insbesondere wenn man es auf dem Landweg erreicht. Nach einer intensiven Arbeitswoche im Sudan und einer zweistündigen letzten Nacht in Khartum begab ich mich gestern mittels diverser öffentlicher Verkehrsmittel nach Äthiopien. Die Reise war anstrengend und erschien mir auf Grund meiner Müdigkeit viel länger als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der erste Eindruck sagt oftmals viel über ein Land aus, insbesondere wenn man es auf dem Landweg erreicht. Nach einer intensiven Arbeitswoche im Sudan und einer zweistündigen letzten Nacht in Khartum begab ich mich gestern mittels diverser öffentlicher Verkehrsmittel nach Äthiopien. Die Reise war anstrengend und erschien mir auf Grund meiner Müdigkeit viel länger als sie es eigentlich war.</p>
<p>Die elf Tage, die ich im Sudan verbracht habe, waren äusserst spannend. Nebst den für meine Arbeit wichtigen gewonnenen Erkenntnissen lernte ich auch einiges über die sudanesische Kultur, die den Spagat zwischen der arabischen und der schwarzafrikanischen Welt macht. Insgesamt hatte ich einen sehr positiven Eindruck von den Sudanesen. Sie traten mir als ehrliche und anständige Menschen mit einem nicht allzu stark ausgeprägten Willen zur Anstrengung gegenüber. Gelegentlich spürte ich den politischen Druck, der auf den Menschen lastet. Manche würden sich gerne kritischer und ausführlicher zur Situation ihres Landes äussern, als ihnen erlaubt ist. Die staatliche Kontrolle über die Bevölkerung und insbesondere auch über die Ausländer ist allgegenwärtig und manchmal etwas erdrückend. So gehörte es zu unserem Alltag, dass wir vom Geheimdienst beschattet wurden. An gewissen heiklen Orten folgten uns die Schattenmänner sogar ganz offensichtlich auf Schritt und Tritt. Ein Sudanese, welcher sich während längerer Zeit mit uns aufgehalten hatte, wurde nachträglich von Sicherheitsleuten aufgesucht und befragt. Diese ständige mehr oder weniger sichtbare Begleitung drückte manchmal ganz schön auf das Wohlbefinden. Dennoch war der Aufenthalt in der – trotz Embargo – sehr internationalen Stadt Khartum durchaus angenehm.</p>
<p>Wie immer, wenn ich eine Grenze in ein mir bisher unbekanntes Land überschreite, war ich gestern sehr gespannt, was mich im – gemessen am Sudan – freieren und ärmeren Äthiopien erwarten würde. Und wie ich es schon oft erlebt hatte, war der Unterschied tatsächlich unmittelbar nach dem Grenzübergang spürbar. Nach dem Geheimdienstcheck frühmorgens in Khartum und den ziemlich schroffen und auf eine lächerliche Art und Weise überheblichen Zollbeamten im sudanesischen Gallabat erwartete mich im äthiopischen Metemma eine gut gelaunte Truppe auf einem schäbigen, aber doch gut ausgerüsteten Grenzposten.</p>
<p>Der Typ hinter dem Computer witzelte stets mit den Reisenden. Insbesondere wenn er verschleierte Frauen neckisch, aber anständig aufforderte, für das Foto das Kopftuch kurz zu entfernen, schienen er und auch viele der reisenden Frauen und Männer ihre Freude daran zu haben. Seine Kollegin versuchte, etwas seriöser zu wirken, was ihr nicht immer gelang. Nachdem ich wie die Äthiopier nach Betreten des Grenzpostens meinen Reisepass auf den Tisch gelegt hatte, musste ich lange warten, bis ich an der Reihe war. Diese für Afrika untypische Gleichbehandlung und das fehlende überspielte Interesse am einzigen anwesenden Ausländer im Raum gefielen mir sehr. Ich wartete nicht mehr und nicht weniger lange als meine Mitreisenden. Doch als ich dann an der Reihe war, gratulierte mir die Zollbeamtin zu meinen erfolgreichen Fingerabdrücken, nachdem sie meine Vorgängerin mehrmals hatte instruieren müssen. Die junge Beamtin, die neben ihr sass, blinzelte mir nach der Fotoaufnahme zu und sagte lächelnd, „Nice picture“. Als ich ihr Lächeln erwiderte, strahlte sie, so dass sich auch die seriösere Beamtin über diesen kleinen Flirt während der im Grunde genommen langweiligen Tätigkeit freute.</p>
<p>Unterwegs Richtung Ortszentrum, wurde ich ziemlich rasch, aber äusserst unauffällig und zurückhaltend von einem jungen Mann begleitet. Zumal ich mich immerhin bei Dunkelheit in einer afrikanischen Grenzstadt befand, blieb ich zunächst etwas vorsichtig. Letztendlich stieg ich dennoch mit ihm in ein Tuk-Tuk ein, um mir ein Hotel in der Nähe des Busbahnhofs zeigen zu lassen. Beim Hotel handelte es sich um mehrere bescheidene Zimmer, welche einen Innenhof abseits der Hauptstrasse säumten. Mein Zimmer verfügte über zwei Betten mit Laken, die vermutlich seit Inbetriebnahme des Hotels ungewaschen auf den Betten lagen, und eine lose Glühbirne an der Decke. Nachdem ich mein Gepäck deponiert hatte, trank ich im Innenhof mit meinem Begleiter äthiopisches Bier. Die anderen im Hof anwesenden Gäste schauten gemeinsam Wrestling im Fernsehen. Als ich allmählich hungrig wurde – abgesehen von einem Burger mit Spiegelei an einer sudanesischen Raststätte hatte ich noch nichts gegessen – bedankte ich mich bei meinem Begleiter, welcher nach dem gemeinsamen Bier keine weitere Gegenleistung meinerseits erwartete, und machte mich auf die Suche nach einer kleinen Mahlzeit.</p>
<p>Metemma sah aus wie eine typische Grenzstadt. Viele Menschen, reger Betrieb, Cafés, Bars, Geldwechsler, Prostitution und – auch wenn nicht offensichtlich – überall der Geschmack von illegalen Geschäften. In der Dunkelheit erschienen die zahlreichen spärlich beleuchteten Geschäfte und Gaststuben am Strassenrand richtig heimelig. Als ich eine junge Frau hinter einer dieser Theke fragte, ob sie auch Injeera oder sonst etwas zu essen servieren würde, wurde ich nicht nur darüber informiert, dass sie ausschliesslich Getränke hätten, sondern gleich in ein Restaurant geführt. Der Typ, der mich begleitete, brachte mich absichtlich in das am Besten beleuchtete Restaurant und riet mir davon ab, nach dem Essen noch draussen herumzulungern. Während ich Spaghetti mit Gemüse ass, begann er, mir die wichtigsten amharischen Wörter auf einen Fresszettel zu schreiben und zu erläutern, und sprach dann über seine Pläne, Äthiopien zu verlassen. Weil er trotz abgeschlossenem Studium kaum Arbeit fände, würde er in den Sudan reisen, um später über Libyen nach Europa zu gelangen. Ich berichtete ihm von den schlechten Zuständen in den sudanesischen Flüchtlingslagern und riet ihm davon ab, nach Libyen zu reisen, weil es zurzeit kaum möglich wäre, über diese Route nach Europa zu kommen. Doch er schien ausreichend informiert zu sein. So wusste er zum Beispiel ganz genau, welche Ortschaften zurzeit in den Händen Gaddafis Anhänger sind. Sobald die aktuelle Lage es wieder erlaube, werde er das Mittelmeer ansteuern. Später sprach ich ihn auf das einzigartige äthiopische Dorf Awra Amba an, welches ich unbedingt besuchen möchte. Das Dorf wurde vor mehreren Jahrzehnten von einem illiteraten Bauer gegründet, welcher einen Ort schaffen wollte, an welchem alle Menschen gleich sind, Frauen und Männer dieselbe Arbeit verrichten, und die Religion, welche stets zu Diskriminierung und Ausgrenzung führt, keinen Platz hat. Ich war mehr als überrascht, als er mir sagte, er hätte das Dorf bereits mehrmals besucht und sogar eine schriftliche Arbeit über das Schulsystem in Awra Amba geschrieben. Seine Meinung über das Dorf entsprach mir sehr. Das Grundkonzept fand er ausgezeichnet. Leider sei aber das öffentliche Interesse an dem reellen Utopia zu gross geworden, so dass es mittlerweile als Attraktion betrachtet würde. Das ist genau, was ich befürchtet hatte und der Grund, weshalb ich mir bei dem Gedanken, dass ich das Dorf besuchen und damit meinen Teil zu seiner Kommerzialisierung beitragen werde, auch etwas blöd vorkomme. Als ich meine diesbezüglichen Bedenken kundtat, widersprach er mir und meinte, letztendlich könne die Menschheit nur dann von Awra Amba lernen, wenn das Dorf besucht würde. Nachdem ich gegessen hatte, begab ich mich auf Anweisung meines neuen Freundes zurück zum Hotel. Abgesehen von meiner Email-Adresse erwartete er nichts von mir. Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit hatte ich es mit purer Hilfsbereitschaft zu tun.</p>
<p>Im Innenhof setzte ich mich erneut zu den anderen Gästen, die mittlerweile eine lokale Fernsehshow schauten. Als ich mich nach Buna, dem gewürzten äthiopischen Kaffee, erkundigte und im Hotel leider keiner mehr zubereitet wurde, stand sofort einer der anderen Gäste auf und wies mich an, einen Moment zu warten. Wenig später kam er mit einer jungen Teefrau zurück, die mir Buna servierte. Nachdem ich den Kaffee getrunken hatte und bezahlen wollte, stellte sich heraus, dass der andere Gast die Rechnung bereits übernommen hatte.</p>
<p>Ja, ich teile die Meinung des europäischen Durchschnittstouristen, dass man in fremden Ländern grundsätzlich vorsichtig sein sollte. Ein gewisses Mass an Misstrauen auf Reisen durch unbekannte Gebiete hat wohl noch niemandem geschadet. Aber wer anderen Menschen zu misstrauisch begegnet, wird auf die bedingungslose Gastfreundschaft verzichten müssen, die ich an meinem ersten Tag in Äthiopien einmal mehr erleben durfte.</p>
<p>Unter den geschilderten Umständen vermochte ich auch gut damit zu leben, dass im unbeleuchteten Schuppen, in welchem sich die Lochtoilette befand, Ratten hausten, dass es in meinem Zimmer nur so von Mücken wimmelte und, nachdem meine Glühbirne den Geist aufgab, stockdunkel war. Begleitet von den stöhnenden Geräuschen meiner Zimmernachbarn und der Esel der Umgebung schlief ich dann friedlich ein.</p>
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		<title>Qom &#8211; Von Bärten und Zelten</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Aug 2011 00:14:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Qom. Im Hotel in der Nähe des Heiligen Schreins von Fatema al-Ma’sume, der Schwester des Imam Reza. Kindergeschrei. Männergebrüll. Frauengezicke. Freitagabend. Wenige Tage vor Beginn des Ramadans. Da wir morgen zum Salzsee in der Nähe von Qom fahren werden, verbringen wir die heutige Nacht in dieser Stadt, die neben Mashhad als heiligste Stadt des Irans [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Qom. Im Hotel in der Nähe des Heiligen Schreins von Fatema al-Ma’sume, der Schwester des Imam Reza. Kindergeschrei. Männergebrüll. Frauengezicke. Freitagabend. Wenige Tage vor Beginn des Ramadans.</p>
<p>Da wir morgen zum Salzsee in der Nähe von Qom fahren werden, verbringen wir die heutige Nacht in dieser Stadt, die neben Mashhad als heiligste Stadt des Irans betrachtet wird. Während meiner ersten beiden Aufenthalte im Iran habe ich alles daran gesetzt, diese Stadt nicht besichtigen zu müssen. Und wie Recht ich damit hatte! Qom ist fürchterlich. Religiöse Fanatiker weit und breit. In dieser Stadt wird sogar ein durchaus toleranter Mensch wie ich dazu verleitet, islamophob zu werden. Die Stimmung in der Stadt ist noch hektischer und aggressiver als in Shiraz. Und es fällt mir echt schwer, die Wesen, die man auf den Strassen von Qom antrifft, als Menschen zu bezeichnen. Bärte und schwarze Zelte so weit das Auge reicht.</p>
<p>Was sich hier abspielt, hat nichts mehr mit einem gesunden Islam zu tun. Kann eine Religion überhaupt gesund sein? Meiner Meinung nach nicht. Doch das ist ein anderes Problem, welches ich an dieser Stelle nicht erörtern möchte. Jedenfalls gibt es Menschen, die sich zwar zu einer Religion bekennen und gewisse Regeln befolgen, aber immer noch ein Leben führen, welches sich ausserhalb dieser Religion abspielt. Die Religion als Teil des Lebens, und nicht das Leben als Teil der Religion. Hier in Qom hat man den Eindruck, dass ausschliesslich Letzteres der Fall ist. Der Islam – und zwar eine sehr radikale und stumpfsinnige Form des Islams – dominiert hier das Leben.</p>
<p>Nach wenigen Stunden in dieser Stadt bringe ich das Gefühl nicht mehr los, dass die Menschen hier total verblödet sind. Bärtige Typen in weissen Gewändern und turbanartiger Kopfbedeckung schreiten mit auf den Boden gerichteten Blicken durch die Strassen. Als hätten sie irgendetwas zu verbergen. Als würden sie sich vor irgendetwas schämen. Die Frauen, von Kopf bis Fuss – oft auch das ganze Gesicht – in schwarzes Tuch verhüllt, watscheln den Bärten hinterher, als könnten sie selbst den Weg nicht finden. Die Kinder wirken dumm und sind völlig überfressen, noch fetter als Amerikaner. Die Jungs spielen bereits in zartem Alter mit ihren iPhones herum, während die Mädchen noch vor den ersten Ansätzen der weiblichen Brust – die man bei ihren fetten Körpern ohnehin nicht erkennen würde – bereits verhüllt werden wie ihre Mütter. Die Unmenge an Schmuckläden und Süsswarengeschäften wirken auf mich irgendwie ironisch. Sollen damit die Frauen und Mädchen ruhig gestellt werden? Reichen goldene Halsketten und überzuckerte, mit Rosenwasser begossene Gebäcke aus, um eine gefangene Frau glauben zu lassen, dass sie frei sei?</p>
<p>Im Hotel handelt es sich bei den meisten Leuten um arabische Touristen aus dem Irak, Saudi Arabien, Syrien und anderen Ländern mit schiitischen Glaubensgemeinschaften. Als ich mit meiner Tochter den Fahrstuhl betrat, befanden sich bereits zwei komplett verhüllte Frauen darin. Ich vermutete schon, dass die gemeinsame Fahrt vom Erdgeschoss in den ersten Stock aus ihrer Sicht völlig „haram“ und ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Bereits gereizt von dem idiotischen Verhalten der Menschen auf der Strasse, betrat ich mit einem Gefühl zwischen Verachtung und Genugtuung den Fahrstuhl und – siehe da! – die beiden Pinguine verliessen ihn sofort und warteten, bis er wieder frei wurde. Wie bescheuert die doch sind!</p>
<p>Ich musste an Oriana Fallaci denken, an die eigentlich bewundernswerte italienische Journalistin, die sich in den letzten Jahren vor ihrem Krebstod immer radikaler gegen den Islam äusserte. Sie musste einst vorübergehend einen Iraner heiraten, weil sie sich alleine mit ihm in einem Raum aufgehalten hatte. Ich konnte Fallacis Islamophobie nie verstehen. Wie konnte eine überdurchschnittlich intelligente und hübsche Frau plötzlich so hasserfüllt werden und eine derart grosse Gruppe von Menschen im Kollektiv verurteilen? Heute gab es Momente, in welchen ich mich beherrschen musste, nicht wie Oriana Fallaci zu denken. Und Gott sei Dank, haben die beiden Frauen den Fahrstuhl verlassen! Sonst hätte mir womöglich noch dasselbe Schicksal wie der italienischen Journalistin gedroht.</p>
<p>Beim Frühstück im Hotel vor unserem Ausflug an den Salzsee wurden meine Gefühle der Verachtung und Verabscheuung immer stärker. Ich konnte mir nicht erklären, dass es auf diesem Planeten Menschen gibt, die in mir derartige Gefühle auslösen können. Ich habe durchaus ein wenig Ahnung vom Islam, studierte unter anderem am Institut für Islamwissenschaft, führte eine mehrjährige Beziehung mit einer Muslimin, habe grossen Respekt vor einigen Vertretern der islamischen Mystik, finde Gefallen an islamischen Bauten, hätte auch nichts gegen Minarette in der Schweiz gehabt, aber irgendwo hat meine Toleranz ihre Grenzen. So begann ich mir während des Frühstücks Dinge vorzustellen, für welche ich nach Ansicht der übrigen Frühstückenden vermutlich bereits hätte gehängt werden sollen, ohne sie auszusprechen oder in Tat umzusetzen. Als ein Greis mit drei komplett verhüllten Frauen und einem Jungen an einem Tisch Platz nahm – nachdem sich die Frauen bereits gesetzt hatten, wurden sie noch einmal umplatziert, weil man ihnen sonst seitwärts hätte ins Gesicht schauen können, wenn sie den Schleier kurz anhoben, um das Brot zum Mund zu führen – fragte ich mich, was wohl geschehen würde, wenn ich jetzt einer der Frauen an den Arsch langen würde. Hätte es sie womöglich sogar erregt, weil sie der Greis bisher nie so angefasst hatte? Hätte mich der Greis auf der Stelle – wie im Hollywood-Film &#8220;Murder in the first&#8221; – mit einem Löffel erstochen (im Iran benutzt man ja keine Messer)? Oder wie würden beispielsweise die Bärte in der Lobby reagieren, wenn man jetzt kurzerhand auf einer Grossleinwand in der Eingangshalle &#8220;Submission&#8221; von Theo Van Gogh und Ayaan Hirsi Ali ausstrahlen würde? Würden sie den Kurzfilm überhaupt verstehen? Oder wären sie zu beschränkt dafür?</p>
<p>Heute sehne ich mich nach Tadschikistan. Nach den tadschikischen Frauen – Musliminnen – die in ihren glitzernden Festkleidern zufrieden durch die Strassen von Duschanbe schlendern. Nach den tadschikischen Männern – Muslimen – die sich nicht beherrschen müssen, wenn sie ein Stück nackte Haut sehen, die auf der Strasse auch einer Frau in die Augen sehen können, ohne dabei gleich ein steifes Glied zu kriegen. Ich freue mich auf Qazwin, auf die Regionen am kaspischen Meer und auf Teheran, auf einen Iran, in welchem Menschen Leben, die auch ein Leben führen, welches sich ausserhalb ihrer Religion abspielt.</p>
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		<title>Von Grenzen und Menschen &#8211; Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan</title>
		<link>http://www.tsigan.com/blog/general/von-grenzen-und-menschen-usbekistan-tadschikistan-und-turkmenistan</link>
		<comments>http://www.tsigan.com/blog/general/von-grenzen-und-menschen-usbekistan-tadschikistan-und-turkmenistan#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 04 Aug 2011 20:55:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nach der bisher zehntägigen und ziemlich anstrengenden Reise durch drei ehemalige Sowjetrepubliken entspannen wir uns gerade im klimatisierten Hotel, weil die sommerliche Hitze nach einem zweistündigen Bummel durch die bizarre turkmenische Hauptstadt Aschgabat einfach unerträglich wurde. Möglicherweise gehen wir uns später im Olympia-Stadion das Fussball-WM-Qualifikationsspiel Turkmenistan – Indonesien anschauen. Viele Gedanken und Ideen für einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach der bisher zehntägigen und ziemlich anstrengenden Reise durch drei ehemalige Sowjetrepubliken entspannen wir uns gerade im klimatisierten Hotel, weil die sommerliche Hitze nach einem zweistündigen Bummel durch die bizarre turkmenische Hauptstadt Aschgabat einfach unerträglich wurde. Möglicherweise gehen wir uns später im Olympia-Stadion das Fussball-WM-Qualifikationsspiel Turkmenistan – Indonesien anschauen.</p>
<p>Viele Gedanken und Ideen für einen kurzen Rückblick auf diese intensive Zeit schwirren in meinem Kopf herum. Doch bisher kam ich nicht dazu, diese niederzuschreiben.</p>
<p>Doch zunächst ein paar Worte zu meinen Reiseblogs. Ich schreibe diese Blogs in erster Linie, weil ich gerne reise und gerne darüber berichte. Mittlerweile hat sich auch eine kleine Fangemeinde meiner Blogs entwickelt, was ich natürlich sehr schätze. Ich hoffe auch, dass ich damit die Eine oder den Anderen dazu animieren kann, vielleicht einmal ein Land zu bereisen, welches nicht gerade zu den Topdestinationen der europäischen Touristinnen und Touristen gehört. Meine Blogs sind und bleiben erste Eindrücke. Deshalb haben sie selbstverständlich nicht den Anspruch, ein vollständiges Bild eines Landes zu vermitteln. Dennoch ist es so, dass man gerade mit den ersten Eindrücken oftmals ins Schwarze trifft. Man hält fest, was auffällt. Je besser man ein Land kennt, desto weniger fällt einem auf. Dabei ist natürlich hinzunehmen, dass manche Beobachtungen nicht gerade repräsentativ für das entsprechende Land sind.</p>
<p>Nun, wo soll ich beginnen? Was kann ich nach zehn Tagen über die drei einerseits ähnlichen und doch ganz unterschiedlichen bereisten Länder berichten?</p>
<p>Nach sieben passierten Grenz- und zahlreichen Polizeikontrollen möchte ich einen Vergleich heranziehen, der durchaus gewagt ist und womöglich den drei betreffenden Ländern nicht gerecht wird. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass gerade das Verhalten der Grenzbeamten etwas über die Gesellschaft dieser Länder aussagt.</p>
<p>Um die Grenzkontrollen kurz und etwas salopp zu beschreiben: Die Usbeken hatten keine Ahnung und machten ein Riesentheater. Die Tadschiken hatten keine Ahnung und machten kaum Theater. Die Turkmenen hatten eine Ahnung und machten kaum Theater.</p>
<p>Ob am Flughafen oder an den Landesgrenzen zu Tadschikistan und Turkmenistan, die Ein- oder Ausreise nach bzw. aus Usbekistan ist keine Freude. Warten, langwieriges Ausfüllen von Zolldeklarationen auf oftmals ausschliesslich in kyrillischer Schrift vorhandenen Vorlagen, erneutes Warten, etliche Passkontrollen und selbstverständlich die Gepäckkontrolle. Zudem gibt es grundsätzlich keine Garantie dafür, dass eine Grenze auch wirklich geöffnet ist. Dem usbekischen Präsidenten Islam Karimow wird sogar nachgesagt, dass er manchmal morgens aufstehe und spontan entscheide, vorübergehend einige Grenzen zu schliessen. So erfuhren wir auch erst am Tag unserer Ausreise nach Tadschikistan, dass der im einjährigen Reiseführer vermerkte direkte Grenzübergang bei Pendschakent zurzeit gesperrt ist. Deshalb mussten wir einen erheblichen Umweg machen und erreichten den südlicheren Übergang erst abends. Zum Glück (im Unglück) war er für Reisende ohne Fahrzeug um diese Zeit noch geöffnet. Die Grenze war vor allem auf usbekischer Seite ziemlich anstrengend. Wenn sogar Globi-CDs und Kartenspiele wie Ligretto oder Uno genauer inspiziert werden, würde ich dies doch als Schikane bezeichnen. Andererseits interessierte sich der vermutlich russischstämmige Zöllner, der durchaus jeden Reiseführer durchblätterte, nicht für das Buch „Shadow Masters“ von Daniel Estulin, in dem doch immerhin auch die schmutzigen Drogengeschäfte in Zentralasien angesprochen werden. Dass die Usbeken bei der Ausreise aus Tadschikistan etwas genauer hinschauen, ist wiederum verständlich. So wird der Grossteil des durch die CIA und afghanische Warlords kontrollierten Opiumhandels nämlich über Tadschikistan abgewickelt. Selbstverständlich gibt es auch zahlreiche hohe tadschikische und usbekische Beamte, die an diesem Geschäft mitverdienen. Doch für die Presse macht sich der Fang eines kleinen Fisches an der Landesgrenze immer wieder gut. Vor diesem Hintergrund können dann die Luxuswagen und die fetten Villen in Duschanbe und Taschkent besser gerechtfertigt werden.</p>
<p>Trotz des seit dem Einmarsch der USA in Afghanistan florierenden Opiumhandels, von welchem Tadschikistan als wichtigstes Transitland stark betroffen ist, waren die Grenzkontrollen auf tadschikischer viel lockerer als auf usbekischer Seite. Mühsam waren sie dennoch, weil es auch dort überflüssige Formulare auszufüllen gab, die Beamten kaum wussten, wie sie ihre PCs bedienen mussten, die Polizisten bei den unzähligen Passkontrollen sich nicht wirklich einig zu sein schienen, wer eigentlich wofür zuständig ist. Insgesamt würde ich sagen, dass die Usbeken vielleicht etwas korrekter und effizienter waren, die Tadschiken aber viel sympathischer.</p>
<p>In Turkmenistan hatte ich anfänglich das Gefühl, in einem etwas kultivierteren Land – wie etwa dem Iran – angekommen zu sein. Ich hatte den Eindruck, dass jeder Beamte genau wusste, was er zu tun hatte und seinen jeweiligen Job auch gut machte. Das turkmenische System ist vermutlich noch viel komplizierter und bürokratischer als das usbekische oder das tadschikische, aber es scheint auch mehr oder weniger zu funktionieren. Die Beamten waren sehr höflich – bei der Höflichkeit der Beamtinnen könnte man schon beinahe von Flirten sprechen – und korrekt. Wie in Usbekistan öffneten sie zwar alle Koffer – allerdings waren sie im Gegensatz zu den Usbeken fähig, den Inhalt so zu betrachten, dass man den Koffer nach der Kontrolle nicht neu packen musste – wussten aber wonach sie suchten und vor allem auch wonach sie nicht suchten. Das heisst, uninteressante Dinge wurden nicht – wie in Usbekistan – aus Unwissen oder Neugierde drei Minuten lang mit planlosen Blicken in den Händen gehalten, um dann irgendwo neben den Koffer zu werfen, sondern einfach übergangen. Die hübsche Turkmenin überflog kurz meine mitgebrachten Bücher, wollte wissen, worum es bei „Shadow Masters“ ging und fragte anschliessend noch, ob ich Bücher über Religion dabei hatte, was ich glücklicherweise verneinen konnte. Alles in Allem war der turkmenische Grenzübergang wider Erwarten mit Abstand der angenehmste der drei Länder. Dass wir bei der geplanten abendlichen Ausreise aus Usbekistan nicht mehr durchgelassen wurden und deswegen unmittelbar an der Grenze in der Kabine eines iranischen Lastwagens übernachten mussten, ist wohl eher auf die Usbeken selbst zurückzuführen, die nach einer langwierigen Diskussion behaupteten, ihre Grenze sei zwar eigentlich noch offen, die turkmenische jedoch bereits geschlossen.</p>
<p>Was kann nun das Verhalten der Grenzbeamten dieser drei Länder über die jeweiligen Gesellschaften aussagen? Ist mein Vergleich überhaupt angebracht? Ich weiss es selbst nicht. Es ist schwierig, sich nach einer solch kurzen Zeit ein Bild von diesen drei Ländern zu machen. Meine Eindrücke sind sehr ambivalent. Die Grenzkontrollen schienen mir irgendwie typisch für die jeweiligen Länder zu sein, und doch hinkt der Vergleich.</p>
<p>In Usbekistan habe ich viel Positives erlebt. Das Land war sehr sicher, sauber und ordentlich. Die meisten Menschen waren korrekt und anständig. Die (sichtbare) Kriminalität ist vermutlich fast inexistent. Das Reisen innerhalb des Landes ist angenehm. Wie auch in Turkmenistan kann eigentlich jeder Privatwagen als Taxi benutzt werden. Nach kurzem Warten am Strassenrand hält irgendein Usbeke an und fährt einen an den Zielort. Meistens auch zu einem anständigen Preis. Und trotz der zahlreichen positiven Aspekte Usbekistans hinterlässt das Land einen etwas faden und langweiligen Eindruck. Ich denke nicht, dass es mich noch einmal dort hinzieht – ausser vielleicht zwecks Durchreise.</p>
<p>Die Tadschiken erinnerten mich stark an die Afghanen – kein Wunder, zumal viele Afghanen ja Tadschiken sind. Etwas ländlich, vielleicht manchmal etwas hinterlistig, aber viel warmherziger und sympathischer als ihre ethnischen und sprachlichen Verwandten, die stolzen und oft etwas überheblichen Perser. Unser Aufenthalt in Tadschikistan wurde durch gesundheitliche Beschwerden leider etwas beeinträchtigt. Vermutlich hatten wir – bei einer Zwischenverpflegung auf einem usbekischen Markt vor der Einreise nach Tadschikistan – etwas aufgelesen, was uns alle mindestens einen Tag ans Bett (und an die Toilette) fesselte. Deshalb habe ich in Tadschikistan leider nicht viel mehr als die Hauptstadt Duschanbe gesehen. Doch das lockere Treiben auf den Strassen Duschanbes gefiel mir. Es würde mich sehr reizen, das Land erneut zu bereisen und länger dort zu verweilen. Bei einer nächsten Reise würde ich bestimmt auch in die Pamir-Region fahren, welche landschaftlich wunderschön sein muss. Vielleicht ist es auch die Sprache, welche mich erneut nach Tadschikistan ziehen würde. Den wie das afghanische Dari etwas bäuerlichen Dialekt des Persischen fand ich sehr angenehm. Ja, und nicht zuletzt war Tadschikistan für mich vielleicht auch so etwas wie ein Afghanistan-Ersatz. In Afghanistan habe ich bisher leider nur Herat bereist. Ein Flug nach Kabul oder ein kurzer Ausflug von Usbekistan aus nach Mazar-i Sharif kämen bestimmt auch in Frage. Aber weiter möchte ich in das eigentlich bezaubernde Land unter den momentanen Umständen nicht eindringen.</p>
<p>Turkmenistan ist und bleibt für mich das grosse Rätsel – dazu mehr in einem späteren Blogeintrag. Ich habe noch nie ein Land bereist, dessen Gesellschaft mich so sehr verwirrt hat wie die Turkmenen. Irgendwie angenehm, irgendwie nervtötend, irgendwie bezaubernd, irgendwie abstossend. Ich kann nicht wirklich sagen, ob mir das Land sympathisch ist. Interessant ist es auf jeden Fall. Alleine um der Lösung des Rätsels etwas mehr auf die Spur zu kommen, würde sich ein weiterer Aufenthalt in Turkmenistan bestimmt lohnen. Und wegen den bezaubernd schönen Turkmeninnen natürlich auch.</p>
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		<title>Rassismus &#8211; Die Schattenseite des Irans</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Jul 2011 08:35:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
				<category><![CDATA[General]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist nun das dritte Mal, dass ich den Iran bereise. Gerade befinde ich mich im Nachtbus von Shiraz nach Esfahan und konnte von einer kurzen Zigarettenpause profitieren, weil man aus mir unbekannten Gründen versuchte, ein ungefähr fünf Meter langes Paket, welches sich bereits im Gang zwischen den Sitzplätzen befand, im Kofferraum zu verstauen und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist nun das dritte Mal, dass ich den Iran bereise. Gerade befinde ich mich im Nachtbus von Shiraz nach Esfahan und konnte von einer kurzen Zigarettenpause profitieren, weil man aus mir unbekannten Gründen versuchte, ein ungefähr fünf Meter langes Paket, welches sich bereits im Gang zwischen den Sitzplätzen befand, im Kofferraum zu verstauen und mangels Platz dann doch wieder zurück zwischen die Sitzplätze bugsierte. Dieser Vorgang animierte mich irgendwie dazu, ein paar Zeilen zu schreiben statt in der unerträglichen Hitze auf der hintersten Sitzreihe weiter zu dösen.</p>
<p>Shiraz haben wir nach dem Besuch von Persepolis gleich wieder verlassen. Ich mag die Stadt nicht. Der äusserst kurze Aufenthalt bestätigte meinen negativen Eindruck vom letzten Besuch der Stadt. Am Busbahnhof wimmelte es von Basijis und irgendwelchen ziemlich beschränkt wirkenden Koranschülern in weissen Gewänden. Den grimmigen Blicken der bärtigen Typen entgegnete ich mit einem müden mitleidigen Lächeln. Ich habe bisher in keiner iranischen Stadt eine solch unangenehme und aggressive Stimmung erlebt. Obwohl es in Shiraz kaum Araber gibt, hat die Stadt für mich irgendwie etwas Arabisches. Nun freue ich mich auf das viel ruhigere Esfahan mit seiner armenischen Gemeinde, dem imposanten Meidan-e Emam Khomeini und dem heimeligen Judenviertel, in welchem heute kaum mehr Juden, aber viele afghanische Flüchtlinge leben.</p>
<p>Von Freunden in der Schweiz werde ich oft gefragt, was genau mich in den Iran zieht. Die Sprache alleine kann es nicht sein. Denn obwohl ich mir immer wieder vornehme, meine Farsi-Kenntnisse aufzufrischen und zu vertiefen, kann ich heute kaum einen anständigen Satz bilden. Die schönen Städte wie Yazd oder Esfahan und die landschaftliche Vielfalt können es auch nicht sein. Es gäbe genügend andere schöne Flecken auf dieser Welt, die ich noch nicht bereist habe und die ebenso reizvoll wären. Doch weshalb fühlte ich mich nach dem Aufenthalt in Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan, sobald wir die Grenze bei Bajgiran überquert hatten, sofort geborgen? Liegt es an den Iranern selbst? Möglicherweise. Doch was haben denn die Perser, Azeris, Kurden, Luren, Turkmenen und anderen Völker des Irans gemeinsam, was für mich das Land so attraktiv macht? Auch diese Frage vermag ich kaum zu beantworten. Im Allgemeinen sind die Iraner – zumindest Europäern und sich selbst gegenüber – stets sehr gastfreundlich, höflich und respektvoll. Aber eigentlich bis zu einem Grad, der mir masslos übertrieben scheint. Um diese übertriebene Höflichkeit der Iraner beschreiben zu können, kennt die persische Sprache sogar ein Wort &#8211; &#8220;taruf&#8221; &#8211; welches genau dafür verwendet wird. Und die Iraner sind sich auch nicht zu schade, sich mit grosser Selbstironie darüber lustig zu machen. Nein, &#8220;taruf&#8221; ist es nicht, was mich in den Iran zieht. Wenn der Taxifahrer, der vor der Fahrt noch zehn Minuten lang um 5000 Tuman (ungefähr fünf Franken) feilschen mochte, nach der vierstündigen Fahrt dann aus Höflichkeit dreimal die Annahme des Fahrpreises ablehnt, bin ich immer wieder versucht, einmal zu sagen: &#8220;Ah okay, dann vielen Dank und einen schönen Abend noch!&#8221; Nein, Höflichkeitsfloskeln sind gar nicht mein Ding. Aber freundliche, intelligente Menschen weiss ich zu schätzen. Und das sind die Iraner grossenteils – freundlich zumindest Europäern und sich selbst gegenüber.</p>
<p>Szenenwechsel. Wir schlenderten durch das Zentrum von Esfahan. Ich sah wie zwei Männer am Strassenrand einen anderen Mann festhielten und auf ihn einschlugen. Da ich grundsätzlich eigentlich kein schaulustiger Mensch bin, erwog ich zuerst nicht einmal, stehen zu bleiben. Doch dann hörte ich wie einer der zwei Typen sagte: &#8220;Afghani ast, Irani nist.&#8221; (&#8220;Er ist Afghane, er ist kein Iraner.&#8221;) Da ich mit der Situation der afghanischen Flüchtlinge im Iran einigermassen vertraut bin, wurde ich hellhörig. Ich kehrte zu den drei Typen und der versammelten Menschenmenge zurück und versuchte in Erfahrung zu verbringen, weshalb der Afghane festgehalten und geschlagen wurde. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass er, abgesehen davon, dass er Afghane ist und sich illegal im Iran aufhält, eigentlich nichts verbrochen hatte. Und so schien es auch zu sein. Die Typen, die ich auf Farsi ansprach, vermochten mir nicht mehr zu sagen, als dass er Afghane und Flüchtling und deshalb ein Dieb sei. Als ich fragte, was er denn gestohlen hätte, hiess es, eine Million Tuman (ungefähr 1000 Franken). Die Frage, ob er denn das Geld auf sich trüge, blieb vorerst unbeantwortet. Später erklärte mir einer der Typen auf Englisch, der Afghane hätte das Geld geschluckt. Angenommen, er hätte den Betrag ausschliesslich in Form der grössten iranischen Banknote, die kaum im Umlauf ist, gestohlen, hätte der vermutlich minderjährige, magere Bursche hundert Geldscheine schlucken müssen. Die Anschuldigung war also mindestens ebenso lächerlich wie die halbstarken Typen, die den schutzlosen Afghanen festhielten. Die schwache und fast weibliche Stimme des Jungen ging im Gebrüll der selbst ernannten Sittenwächter unter. Hin und wieder kassierte er einen Schlag ins Gesicht oder einen Tritt in die Eier. Weil mir bewusst war, welche Konsequenzen dem Jungen drohten, wenn er auf die nächste Polizeistation gebracht würde, versuchte ich, die idiotischen Typen von ihrem Vorhaben abzubringen. Doch meine Mühe war umsonst. Die versammelten Schaulustigen betrachteten mich mit grossem Unverständnis und versuchten mir zu erklären, dass es sich hier um einen Afghanen und nicht um einen Iraner handelte. Es wäre also völlig legitim, wenn er abgeführt würde. Später kamen andere Typen – jetzt vermutlich richtige Basijis – dazu und führten den Afghanen ab. In mir kam ein starkes Gefühl von Ohnmacht auf. Ich wusste nicht mehr, wie ich dem armen Jungen hätte helfen können. Mit Geld hätte ich die Typen kaum beruhigen können. Auch wirksame Drohungen fielen mir keine ein. Ich wüsste nicht, welches Organ des iranischen Justizapparats dem Afghanen geholfen hätte. Es hätte auch nichts gebracht, wenigstens seine Personalien aufzunehmen, weil sich der Junge vermutlich sowieso illegal im Iran aufhält. So lief ich hilflos den Typen hinterher, die den Afghanen abführten, und versuchte auf sie einzureden. Schliesslich gaben sie mir mit Drohgebärden zu verstehen, mich aus dem Staub zu machen, packten den Jungen in einen Privatwagen und fuhren davon.</p>
<p>Während ich nun im Hotel sitze und diese Zeilen schreibe, wird der junge Afghane vielleicht gerade auf einer Polizeistation in meiner Nähe befragt und geschlagen. Ja, wenn er Glück hat, wird er nur verprügelt und dann wieder auf der Strasse ausgesetzt. Vielleicht wird er aber auch gerade von einem ekligen Basiji, der zu Hause vier Frauen hat und in der Öffentlichkeit die Homosexualität als Teufelssache verurteilt, in den Arsch gefickt.</p>
<p>Im Iran leben rund zwei Millionen Afghanen, wovon nur knapp die Hälfte registriert ist. Im Gegensatz zu Flüchtlingen aus anderen Nationen werden sie nicht offiziell als Flüchtlinge (&#8220;refugees&#8221;) anerkannt, sondern als &#8220;displaced persons&#8221; betrachtet. Dies hat massive Auswirkungen auf den Alltag der Afghanen und somit auf deren Zugang zum Arbeitsmarkt, Gesundheits- und Bildungswesen. Versteckte und offene Diskriminierungen sind zahlreich und können in jedem Lebensbereich vorkommen. Dies betrifft die illegalen und die registrierten Afghanen gleichermassen. In mehreren Weisungen von 1963, 1990 und 2004 regelte die iranische Regierung die Restriktionen gegenüber Flüchtlingen detaillierter. Gemäss jenen von 1963 erhielten Flüchtlinge dieselbe Sozialunterstützung wie Iraner. In jenen von 2004 wurde ihnen verboten, Hypotheken aufzunehmen, Häuser zu mieten, Eigentum zu erwerben und Bankkonti zu eröffnen. Gemäss iranischem Gesetz ist es Afghanen sogar verboten, ein Auto oder ein Mobiltelefon zu erwerben.</p>
<p>Der Grossteil der Afghanen arbeitet illegal. Insbesondere in der Landwirtschaft oder im Bausektor sind Afghanen zwar willkommene günstige Arbeitskräfte, allerdings wird von iranischer Seite kaum Verständnis gezeigt, wenn im Bausektor arbeitende Afghanen verunfallen oder sogar getötet werden. Die harten Arbeitsbedingungen erschweren den Alltag der afghanischen Flüchtlinge massiv. Zudem ist bekannt, dass der Drogenkonsum unter den Migranten zugenommen hat, um die langen Arbeitszeiten zu überstehen. Die meisten Afghanen arbeiten im Baugewerbe, als Hilfskräfte, als Haushaltshilfen, als Wächter, in Fabriken oder im Bergbau. Viele Minderjährige arbeiten im Iran und unterstützen ihre Familien in Afghanistan. Sie können sich besser verstecken und werden bei Festnahmen eher wieder freigelassen, während erwachsene Afghanen ausnahmslos nach Afghanistan zurückgeführt werden.</p>
<p>Sich illegal im Iran aufhaltende Afghanen haben keinerlei Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem. Auch für registrierte Afghanen bestehen in öffentlichen Spitälern immer wieder gewisse Einschränkungen bei der Zulassung. Seit 2004 können afghanische Flüchtlinge keine Krankenversicherung mehr abschliessen.</p>
<p>Auch im Schulbereich gibt es massive Diskriminierungen für Afghanen. Während Kinder irakischer Flüchtlinge die Schule gratis besuchen können, müssen afghanische Kinder Schulgeld bezahlen. Seit 2004 muss zudem eine Steuer für die Anmeldung bezahlt werden.</p>
<p>Afghanen gelten im Iran generell als Bürger zweiter Klasse. Die schiitischen Hazaras, die den Grossteil der Afghanen im Iran ausmachen, unterscheiden sich äusserlich relativ klar von den Iranern und fallen daher eher auf. Auf Grund der anhaltend grossen Flüchtlingszahl, dem zunehmenden Drogenproblem und der stetig steigenden Arbeitslosigkeit unter Iranern in den letzten Jahren sind negative Veränderungen in der Haltung der iranischen Bevölkerung gegenüber Afghanen zu beobachten.</p>
<p>Vorfälle wie jener heute Nachmittag in Esfahan gehören im Iran zum Alltag. Dies war mir bewusst. Dennoch fühlte ich mich hier stets sehr wohl und schätzte die Mentalität der Iraner. Heute habe ich einen solchen Vorfall selbst miterlebt, und er ging mir unter die Haut. Wenn ich an diese Arschlöcher zurückdenke, die sich stark fühlten, weil sie einem ihnen schutzlos ausgelieferten jungen Afghanen das Leben zur Hölle machen konnten, könnte ich kotzen. Wenn ich an die zahlreichen Passanten denke, von welchen sich kein Einziger für den Afghanen einsetzte, könnte ich kotzen.</p>
<p>Wenn dies die Kehrseite der übertriebenen Höflichkeit ist, dann scheisse ich auf diese Höflichkeit!</p>
<p>Gott möge dem Jungen beistehen und ihn aus den schmutzigen Händen dieser Typen befreien.</p>
<p>Persönlich hoffe ich, dass der Respekt der sonst sehr freundlichen und zuvorkommenden Iraner in Zukunft verstärkt auch ihren sowohl sprachlich als auch ethnisch verwandten Nachbarn, den Afghanen, gilt. Wäre dies der Fall, dann könnte ich ohne Vorbehalt sagen, dass mich die Mentalität der Iraner immer wieder in dieses schöne Land zieht.</p>
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		<title>Migranten aus Libyen, ein Hoch auf die tunesische Armee und ein persönliches Plädoyer</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Apr 2011 17:09:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Libyen hat viel Öl und dementsprechend viel Geld. Deshalb war Libyen nicht nur ein wichtiges Transitland vieler Migranten und Flüchtlinge, sondern auch ein Zielland vieler Migranten. Zehntausende von Ägyptern, Bangladeschis, Tunesiern, Algeriern, Sudanesen, Tschadern, Eritreern, Somaliern und Menschen anderer Herkunftsstaaten haben in Libyen gearbeitet und arbeiten teils immer noch dort. Manche waren etwas besser gestellt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Libyen hat viel Öl und dementsprechend viel Geld. Deshalb war Libyen nicht nur ein wichtiges Transitland vieler Migranten und Flüchtlinge, sondern auch ein Zielland vieler Migranten. Zehntausende von Ägyptern, Bangladeschis, Tunesiern, Algeriern, Sudanesen, Tschadern, Eritreern, Somaliern und Menschen anderer Herkunftsstaaten haben in Libyen gearbeitet und arbeiten teils immer noch dort. Manche waren etwas besser gestellt – so etwa die Arbeitskräfte aus arabischen Ländern. Andere riskierten jedoch mehrjährige Gefängnisstrafen wegen illegalen Aufenthalts, Entführungen mit Lösegeldforderungen und Schikanierungen im Alltag durch die libysche Bevölkerung. Davon betroffen waren eher die Eritreer, Somalier und Schwarzafrikaner, insbesondere die Christen. Trotz sehr problematischer Arbeitsbedingungen stellte Libyen für viele Migranten und Flüchtlinge eine Chance dar, Geld zu verdienen und ihre Familien im Heimatland zu unterstützen.</p>
<p>Nach Ausbruch des Konflikts in Libyen strömten sie allmählich aus dem Land, die meisten nach Tunesien und Ägypten, einige auch in den Sudan. Zunächst handelte es sich dabei hauptsächlich um Migranten, die möglichst rasch in ihre Heimatländer zurückkehren wollten. Dann kamen vermehrt auch Personen, die gemäss Genfer Konvention als Flüchtlinge gelten, und für welche eine Rückkehr ins Heimatland nicht in Frage kommt. Alle erzählen sie haarsträubende Geschichten, nicht nur über deren Aufenthalt in Libyen, sondern insbesondere über die Ausreise aus dem Land nach Ausbruch des Konflikts.</p>
<p>Dass für einen Illegalen die Gefahr, in Libyen inhaftiert oder gekidnappt zu werden, sehr gross war, ist allgemein bekannt. Auch dass viele ausländische Migranten auf der Strasse von Privatpersonen mit Messern angegriffen oder geschlagen wurden und seitens der libyschen Behörden keinen Schutz erhielten, ist bekannt. Eritreer berichteten mir auch von der schwierigen Situation auf dem Arbeitsmarkt. Als Handlanger oder Hausfrauen arbeiteten sie oft bis zu dreizehn Stunden am Tag für ein minimales Entgelt. Wenn der Arbeitgeber gerade nicht zahlen wollte, gab es gar keinen Lohn. Da ein Illegaler in Libyen kein Bankkonto eröffnen durfte, war er dazu gezwungen, seinen Verdienst sonst wo zu hinterlegen. So wurden die Ersparnisse oft in irgendwelchen Mauerrissen versteckt. Grosse Gruppen von Frauen und Männern lebten gemeinsam in einem Raum, welchen sie selbst gar nicht mieten durften. So wurden die Räume meist über muslimische Ausländer wie Tschader oder Sudanesen gemietet, welche sie wiederum bei den Libyern mieteten und selbst bis zu 50 Prozent auf den Mietzins draufschlugen. Eine Inhaftierung führte häufig dazu, dass der Vermieter sämtliches Eigentum der festgenommenen Personen verkaufte. Als der Konflikt ausbrach, sassen die ausländischen Arbeiter oft ohne Nahrung in Kellerlöchern fest, weil sie auf der Strasse ihr Leben riskierten. Früher oder später versuchten sie dann doch ihr Glück und organisierten Schlepper, die sie entweder mit Booten über das Mittelmeer nach Italien oder auf dem Landweg nach Tunesien oder Ägypten bringen sollten. Ein Eritreer sagte mit diesbezüglich: „Weißt du, unter hundert Libyern findest du vielleicht einen Freund, dem du vertrauen kannst.“ Die italienische katholische Kirche bot diesen Ausländern – nicht nur den Christen – Unterstützung an. Jeder, der eine Ausreise nach Tunesien anstrebte, erhielt von der Kirche 50 libysche Dinare, den Betrag für eine reguläre Fahrt an die tunesische Grenze. Doch die ausreisewilligen Ausländer standen nun vor zwei weiteren Problemen. Erstens war eine reguläre Ausreise gar nicht mehr möglich, und ein Schlepper verlangte mindestens den doppelten Betrag. Und zweitens hatten die meisten dieser Personen kaum mehr Geld. Sie mussten ihre Familien im Ausland darum bitten, ihnen Geld zu schicken. Doch auch Western Union funktionierte nicht mehr. So musste man auf das Geldüberweisungssystem Hawala ausweichen, bei welchem unter den gegebenen Umständen auch sehr viel Geld verloren ging. Glückte einer Gruppe von Migranten dann tatsächlich eine Fahrt nach Tunesien, wurden diesen Personen an den unzähligen Checkpoints vor der Grenze sämtliche verbleibende Besitztümer abgenommen. Zwei Äthiopier erzählten mir, dass auch gewöhnliche libysche Bürger sich als Polizisten ausgaben und man nicht wissen konnte, von wem man gerade ausgenommen wurde. So besassen die meisten Personen beim Passieren der tunesischen Grenze weder Bargeld noch Mobiltelefone oder andere Habseligkeiten. Einem Eritreer sei kurz vor der Grenze von einem Libyer aus purem Hass sein Kruzifix vom Hals gerissen und vernichtet worden.</p>
<p>So strömten innerhalb kürzester Zeit Zehntausende von Migranten und Flüchtlingen nach Tunesien, in ein Land, welches unmittelbar nach seiner Revolution selbst mit grossen Problemen beschäftigt ist. Entgegen den Erwartungen, die man an ein solches Land haben könnte, zeigte sich Tunesien von Anfang an äusserst kooperativ. Die Grenzen wurden für alle Personen, die aus Libyen flüchteten, geöffnet. Unmittelbar nach der Grenze von Ras Ajdir wurden durch verschiedene Akteure drei Flüchtlingslager errichtet, welche von Tunesien sofort bewilligt wurden. Tunesien erklärte sich auch bereit, bei dem Unterhalt dieser Lager mitzuhelfen. Privatpersonen brachten aus dem ganzen Land Nahrung und Kleider für die ankommenden Flüchtlinge herbei. Die tunesische Armee, die nach der Revolution ohnehin im ganzen Land für Ruhe und Ordnung sorgt, garantiert die Sicherheit in den Lagern. Sie verhält sich sehr menschlich und freundlich gegenüber den Flüchtlingen und macht ihren Job ausgezeichnet. Bei kleineren Aufständen oder Gewaltakten in den Lagern, schreitet sie sofort ein und versucht diskret, die Situation wieder zu beruhigen. Ich konnte selbst mit ansehen, wie eine Rauferei ohne Gewalteinsatz innert einer halben Minute gelöst werden konnte. Als einmal mehrere Hundert Personen aus Frustration wegen der langen Wartezeiten ein IOM-Zelt stürmten, sahen sich die Soldaten gezwungen, ein paar Schüsse in die Luft abzufeuern. Das war’s dann aber auch schon. Insgesamt können die Haltung Tunesiens und die wertvolle Arbeit seiner ausgezeichneten und im Volk sehr beliebten Armee als äusserst positiv bezeichnet werden.</p>
<p>Dennoch steht Tunesien nun vor zwei grossen längerfristigen Problemen, die unmittelbar mit dem Konflikt in Libyen zu tun haben: Erstens vor einer massiven Zunahme der Arbeitslosigkeit, und zweitens vor einem längerfristigen Flüchtlingsproblem.</p>
<p>Vor dem Ausbruch des Konflikts in Libyen haben Tausende von Tunesiern im Nachbarsland gearbeitet. Die meisten davon sind nun ohne Arbeit nach Tunesien zurückgekehrt. Auch der bis vor kurzem noch florierende Handel mit Libyen wurde mehr oder weniger eingestellt. Von diesen Veränderungen sind insbesondere grenznahe Städte wie Ben Guerdane, welche bisher fast ausschliesslich vom Handel und vom Grenzverkehr lebten, betroffen. In diesen Städten läuft nun in den meisten Arbeitssektoren so gut wie nichts mehr. Dies führt im ganzen Land zu Unzufriedenheit und in der Grenzregion immer wieder zu Demonstrationen. Die Menschen in diesem Gebiet sehen insbesondere in den Flüchtlingslagern an der Grenze eine Chance, Arbeit zu finden. Dass dort viele Leute als Freiwillige arbeiten und dennoch bereits zahlreiche Lokale eingestellt wurden, wollen diese Protestierenden nicht wahrhaben. Sogar die Händler, die vorher vom Handel mit Libyen lebten, profitieren nun von den Flüchtlingslagern und errichten an den anliegenden Strassen ihre Marktstände. Dennoch muss die Strasse zwischen Ben Guerdane und der libyschen Grenze nun regelmässig wegen angekündigten Protesten vorübergehend gesperrt werden. Wäre hier nicht wieder die tunesische Armee, die in solch hektischen Zeiten als beruhigender Katalysator fungiert, könnten solche Unzufriedenheiten gravierende Folgen mit sich bringen.</p>
<p>Und um sie nicht unerwähnt zu lassen, eine kleine Anekdote am Rande: Das Zückerchen unter den Flüchtlingen aus Libyen stellen für Tunesien die Libyer selbst dar. Nicht dass diese unter den Tunesiern beliebt wären, ganz im Gegenteil! Doch zurzeit stehen infolge der Revolution in der einstigen Hochburg des Tourismus die meisten Hotels fast leer. Deshalb ist heute jeder Ausländer, der Geld ins Land bringt, willkommen. Und die Libyer haben Geld. Die meisten Libyer, die ihr Land nun auf Grund des Konflikts verlassen, kommen aber nicht als reguläre Flüchtlinge, sondern fahren mit ihren teuren Schlitten hupend an den Flüchtlingslagern vorbei, um sich dann in den Hotels der grösseren Städte einzuquartieren.</p>
<p>Nebst der Bewältigung der Arbeitslosigkeit ist Tunesien nun mit der Lösung des Flüchtlingsproblems konfrontiert. Während wir in Europa uns panisch vor den Lampedusa-Tunesiern fürchten, ist Tunesien auf unsere Unterstützung angewiesen, was die Flüchtlingsströme aus Libyen anbelangt. Die meisten der aus Libyen kommenden Migranten stellen kein längerfristiges Problem dar, da es sich bei diesen um Gastarbeiter aus Ägypten, Bangladesch, Tschad und anderen Ländern handelt, welche grösstenteils in ihre Heimat zurückgekehrt sind oder demnächst zurückkehren werden. Was geschieht aber mit den Menschen, die aufgrund politischer Verfolgung oder wegen Bürgerkriegs nicht in ihre Heimatländer zurückkehren können? Was geschieht mit den Eritreern, Somaliern, Ivorern oder den Sudanesen aus Darfur? Viele dieser Personen, vor allem die Somalier und die Äthiopier, sind so verzweifelt, dass sie teils in grösseren Gruppen nach Libyen zurückkehren. Sie hoffen, dass sich die Lage in Libyen wieder stabilisiert, oder versuchen, von Libyen aus mit Schlepperbooten nach Italien zu gelangen. Für Tunesien steht fest, dass es sich bei den Einrichtungen an der libyschen Grenze um Transit- und nicht um längerfristige Flüchtlingslager handelt. Einige westliche Länder sehen dies auch so. Deshalb werden nun auch die ersten Resettlements durchgeführt. Die USA – die ja meist auch für die Konflikte, die zu grösseren Flüchtlingsströmen führen, mitverantwortlich sind – übernehmen gemäss ihrer „humanitären Tradition“ hier meist die Vorreiterrolle. Aber auch kleinere Staaten wie die Niederlande oder skandinavische Länder schliessen sich gelegentlich an. Auch die Schweiz könnte hier mit der Aufnahme einer entsprechenden Anzahl Eritreer ihren Grundsatz unterstreichen, dass wir zwar kein Eldorado für Wirtschaftsmigranten sind, jedoch politischen Flüchtlingen Schutz bieten können. Ein solcher Entscheid würde fast ausschliesslich positive Aspekte mit sich bringen. Erstens wäre damit den eritreischen Flüchtlingen, die in der Schweiz ohnehin bereits über eine grosse und doch unproblematische Diaspora verfügen, geholfen. Zweitens könnte mit etwas politischem Geschick sogar die Grundlage für ein Rückübernahmeabkommen mit Tunesien geschaffen werden. Nach dem Motto: Wir helfen euch, euer Flüchtlingsproblem zu lösen, und ihr helft uns, unser Migrationsproblem zu lösen. Wir werden sehen, ob unsere Politiker pragmatisch genug sind, um auf solche Ideen zu kommen und diese umzusetzen.</p>
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		<title>Politik im Taxi, Provinzstadt und humanitäre Ethnofreaks</title>
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		<pubDate>Mon, 18 Apr 2011 12:39:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
				<category><![CDATA[General]]></category>

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		<description><![CDATA[Ungefähr um zwei Uhr nachmittags verliess ich die ziemlich sympathische Stadt Sfax mit dem Kollektivtaxi Richtung Ben Guerdane. Wie üblich, schlief ich zunächst einmal etwas über eine Stunde. Lustigerweise kann ich in einem Bett – auch wenn ich todmüde bin – oft während bis zu zweier Stunden nicht einschlafen, doch wenn es rattert, holpert und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ungefähr um zwei Uhr nachmittags verliess ich die ziemlich sympathische Stadt Sfax mit dem Kollektivtaxi Richtung Ben Guerdane. Wie üblich, schlief ich zunächst einmal etwas über eine Stunde. Lustigerweise kann ich in einem Bett – auch wenn ich todmüde bin – oft während bis zu zweier Stunden nicht einschlafen, doch wenn es rattert, holpert und quietscht schlafe ich wie ein Engel. Sei es auf einem Flug einer afrikanischen Billigairline, in einem iranischen Nachtbus oder eben in einem tunesischen Kollektivtaxi. Auch die Frau neben mir, die mit ihrer penetranten Mickey-Mouse-Stimme fast ununterbrochen mit dem Typen hinter mir gequatscht hat, sprich, mir direkt ins Ohr geschrien hat, schien mich nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.</p>
<p>Doch nachdem ich in den Wachzustand zurückgekehrt war, mir ein bisschen die Umgebung anschaute und dem Gespräch meiner Mitreisenden lauschte, hörte ich mit meinen minimalen Arabischkenntnissen heraus, dass es sich um eine ziemlich energische Diskussion über den Krieg in Libyen handeln musste. Später sprach ich einen der Typen auf Französisch darauf an, so wurde dann, so gut es ging, auf Französisch weiter diskutiert. Doch ihre Meinungen entpuppten sich als ziemlich unspektakulär. Trotz der geographischen Nähe zu Libyen handelte es sich auch bei ihnen nur um Menschen, die den von CNN und Al-Jazeera vorgekauten Mist nachplapperten. Gaddafi muss raus, und der Konflikt wird länger dauern. Na ja, was hätte man sonst erwarten können? Wenn sogar unsere Medien nicht unabhängig genug sind, um eigene Standpunkte vertreten zu können. Die meisten Medien sind so was Ähnliches wie Kühe. Desinteressierte Wiederkäuer.</p>
<p>Was mich aber viel mehr beeindruckte an der Diskussion meiner Mitreisenden war diese sagenhafte Empathie der Tunesier. Es ist bereits nicht ganz selbstverständlich, dass ein Land, welches selbst gerade eine Mini-Revolution hinter sich und ein massives Problem mit der Arbeitslosigkeit hat, sich sofort bereit erklärt, die Grenzen für die Abertausenden von Flüchtlingen aus dem Nachbarsland zu öffnen, diese auf seinem Boden – zumindest vorübergehend – beherbergt, ihnen Schutz gewährleistet, und dies im Bewusstsein, dass ein grosser Teil dieser Menschen, das Land nicht so rasch wieder verlassen wird. Und so betraf auch eine der ersten Bemerkungen des Typen hinter mir die sudanesischen und somalischen Flüchtlinge, die nun auf tunesischem Boden zwar provisorisch in Sicherheit seien, aber keine längerfristige Lösung hätten. Ich finde es echt erstaunlich, dass sich die Tunesier – insbesondere zum heutigen Zeitpunkt – solche Gedanken machen.</p>
<p>Nachdem wir die ausgesprochen sympathisch wirkende Kleinstadt Medenine passiert hatten und immer öfter Strassenschilder auf die libysche Grenze und Tripolis hinwiesen, begann sich allmählich die Umgebung etwas zu verändern. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass es hier unten, abgesehen von dem bis vor kurzem florierenden Handel mit Libyen, nicht viel zu holen gibt. Die Landschaft wurde immer karger, wir überholten Pickups, auf deren Ladeflächen sich Frauen mit farbigen Kopftüchern den Platz teilten, und die Polizei- und Militärpräsenz schien etwas zuzunehmen.</p>
<p>Nach knapp fünfstündiger Fahrt erreichten wir schliesslich das Provinznest Ben Guerdane, welches ziemlich – mir fehlt der passende deutsche Ausdruck – <em>rough</em> auf mich wirkte. Während ich mich in Sfax auch mitten in der Nacht durch die finsteren Medina-Gässchen bewegt und dabei sicher gefühlt hatte, überkam mich hier schon bei Abenddämmerung ein etwas mulmiges Gefühl. Dennoch machte ich einen kurzen Spaziergang durch das Städtchen. Besonders spannend scheint Ben Guerdane nicht zu sein.</p>
<p>Am meisten beeindruckten mich die Strassenschilder. Tripolis. Wie gerne würde ich jetzt sehen, was sich dort wirklich abspielt. Wie viele dieser Al-Jazeera-animierten Proteste gibt es wirklich? Wie ist die Stimmung in der Stadt? Sehe ich mehr grüne Fähnchen oder mehr Flaggen der ehemaligen libyschen Monarchie? Wird auch mit den jeweiligen Fähnchen gewedelt, wenn weder die Animatoren aus Katar und den USA noch das libysche Staatsfernsehen anwesend sind? Fragen über Fragen. Aber Tripolis ist Tabu. Schliesslich habe ich meiner Mutter versprochen, dass ich schön brav in Tunesien bleibe. Und manchmal wissen es Mütter ja wirklich besser.</p>
<p>Merkwürdigerweise werde ich hier immer wieder gefragt, ob ich Journalist sei. Dies hat wohl weniger damit zu tun, dass ich hin und wieder ein paar Fragen stelle und insgeheim einen Blog schreibe, sondern eher damit, dass ich alleine unterwegs bin und es hier zurzeit kaum Touristen gibt. Die wenigen Ausländer, die sich diese Tage hier herumtreiben, sind offenbar Journalisten oder Mitarbeiter diverser NGOs. Und dass ich bisher nicht zu letzteren gezählt wurde, ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass ich nicht wie diese humanitären Ethnofreaks durch die Gegend spaziere.</p>
<p>So stiess ich, als ich mich vorher in eines der wenigen geöffneten Restaurants setzte, auf eine Gruppe von als NGO getarnten Hippietouristen und war entsetzt. Ich fragte mich schon, wer denn solche Affen bezahlt, und freute mich auf Streitgespräche mit Freunden in der Schweiz über den Sinn und Unsinn der Unterstützung dieser ganzen Selbsthilfe&#8230; ähm… Hilfsorganisationen. Gott sei Dank, stellte sich nach einem kurzen Gespräch dann doch heraus, dass es sich bei diesen Paradiesvögeln ausschliesslich um Freiwillige handelte. Um meiner Leserschaft eine vage Vorstellung dieses Horrorszenarios zu verschaffen, möchte ich diese Bande anhand einiger Beispiele präsentieren. Der älteste Volunteer war so gegen die sechzig Jahre alt, sensibel und leicht tiefsinnig wirkender Typ mit fettigem Haar, grauem Bart, violettem Hemd und einem gelben T-Shirt darüber. Um den Hals trug er eines dieser <em>Komm-wir-ziehen-in-den-Krieg-für-den-Frieden</em>-Arafat-Tücher. Der zweite war dann mehr so eine Mischung zwischen Old Shatterhand und Bud Spencer. Nach dem regulären Nachtessen bestellte er in einem unglaublich arroganten Tonfall noch einen Extrateller Spaghetti. Er trug einen Cowboy-Hut mit der Aufschrift <em>Canada</em>. Um nicht auf alle anderen ebenso exotischen Erscheinungen näher eingehen zu müssen, ein paar Worte zur – allem Anschein nach – Chefin der Truppe. Auf den ersten Blick hätte ich getippt auf gescheiterte selbständige anthroposophisch angehauchte Naturheilerin, die zur Zerstreuung aber auch mal gerne Golf, oder zumindest Minigolf spielt. Jeden Satz, den sie in ihrem fürchterlichen amerikanischen Englisch aussprach, betonte sie so, als hätte sie damit gerade die Welt gerettet. Die Begegnung war insgesamt ein echt abstossendes Erlebnis!</p>
<p>Nun bin ich zurück in meinem wieder etwas günstigeren Hotel und im Zimmer unter mir wird – abends um neun Uhr! – gerade eine Wand herausgeschlagen. Morgen treffe ich vor meinem Besuch des Flüchtlingslagers Choucha den ersten Sekretär der Ortsverwaltung. Zum Glück habe ich zu Hause im letzten Moment doch noch einen Anzug und eine Krawatte eingepackt. Mein <em>Ego-King-Clothing</em>-Shirt hätte sich vor den tunesischen Behörden vielleicht weniger gut gemacht.</p>
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		<title>Tunis &#8211; Das Leben geht weiter. Alhamdulillah.</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Apr 2011 22:11:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Die so genannte Jasminrevolution ist noch nicht lange her. Ben Ali verliess am 14. Januar 2011 ein Land, in welchem viele Probleme ungelöst sind und vermutlich noch länger bleiben werden. Das grösste davon ist zweifellos die Arbeitslosigkeit. Gemäss offiziellen Statistiken sind 14 % der Bevölkerung davon betroffen. Viele Arbeitslose verfügen über Universitätsabschlüsse. Auch der offizielle [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die so genannte Jasminrevolution ist noch nicht lange her. Ben Ali verliess am 14. Januar 2011 ein Land, in welchem viele Probleme ungelöst sind und vermutlich noch länger bleiben werden. Das grösste davon ist zweifellos die Arbeitslosigkeit. Gemäss offiziellen Statistiken sind 14 % der Bevölkerung davon betroffen. Viele Arbeitslose verfügen über Universitätsabschlüsse.</p>
<p>Auch der offizielle Ursprung der Proteste, die zum Sturz Ben Alis geführt haben, hat mit der Arbeitslosigkeit zu tun. Mohammed Bouazizi, der Mann der sich am 17. Dezember 2010 selbst in Brand gesetzt hat und am 4. Januar 2011 in einem Krankenhaus in Tunis an seinen Verletzungen gestorben ist, war nämlich einer der zahlreichen Tunesier, die keine reguläre Arbeit haben. Deshalb verkaufte er schwarz Obst und Gemüse. Weil sein Stand von der Polizei konfisziert wurde, setzte er sich vor dem Gouvernoratsgebäude in Brand.</p>
<p>Drei Monate nach dem Sturz der Regierung wirkt am Flughafen von Tunis alles in Ordnung. Nichts weist darauf hin, dass sich das Land in einem kritischen Zustand befindet. Die Zollbeamten gehen gewöhnlich ihrer Arbeit nach. Sie wirken gelangweilt, wie es sich gehört. Ich nehme ein Taxi zum Hotel de Russie, einer eher günstigen Abstiege unweit der Medina. Ganz in der Nähe sollen Sammeltaxis nach Algerien fahren und bis vor kurzem noch nach Libyen gefahren sein.</p>
<p>Es ist spätabends und die Strassen des Viertels wirken nicht besonders vertrauenswürdig. Nachdem ich das nicht gerade saubere, aber sonst schöne und geräumige Zimmer bezogen habe, werde ich allmählich durstig. Wie ich dann an der Rezeption erfahre, gibt es im Hotel ausschliesslich Frühstück. Getränke sind keine vorhanden. Also doch noch ein kleiner Spaziergang durch das Viertel. Bargeld, Kreditkarte und einen neuen, ziemlich teuren Fotoapparat, dessen vielversprechende Funktionen ich leider noch nicht kenne, habe ich in der Tasche dabei. Aber ich bin zu faul, noch einmal zum Zimmer zu gehen. Und der Typ von der Rezeption hat mich ja auch vor nichts gewarnt. So werde ich wohl nicht niedergestochen. Die Strassen sind ziemlich leer und kaum beleuchtet. Hin und wieder stosse ich auf eine kleine Gruppe junger Männer, patrouillierende Soldaten oder auf eine Katze, die im Abfall nach Nahrung sucht; vermutlich ein recht einfaches Unterfangen, denn am Strassenrand türmen sich Berge von Abfall. Doch die meisten dieser Abfallhaufen wurden wohl im Verlaufe des Abends angezündet. Eine geschickte Lösung des Problems, zumindest die Epidemie-Gefahr wird so geringer. In der Luft hängen jedoch Rauchschwaden, die nicht gerade zum nächtlichen Flanieren durch die Altstadt einladen. Ansonsten habe ich den Eindruck, dass die Stimmung ziemlich ruhig und friedlich ist. Irgendetwas sagt mir aber, dass das Unberechenbare nicht zu unterschätzen ist. Dass dieses Gefühl vermutlich nicht ganz unangebracht gewesen ist, zeigt mir dann auch das Gespräch mit dem Rezeptionisten.</p>
<p>Ich trinke ein undefinierbares Soda aus einer verklebten Aluminiumdose, rauche Tabak und stelle dem Typen ein paar Fragen zur aktuellen Lage in Tunesien. Er scheint ziemlich gesprächig zu sein und gibt bereitwillig Auskunft. Politische Tabuthemen scheint es keine zu geben. Die Revolution sei reibungslos über die Bühne gegangen, und nun gehe das Leben weiter, alhamdulillah. Dennoch gäbe es ungelöste und auch viele neue Probleme. So sei die Arbeitslosigkeit nun noch grösser, zumal dieses Jahr bedeutend weniger Touristen das Land besuchen und zudem sämtliche tunesischen Gastarbeiter aus Libyen zurückgekehrt seien. Streiks gehören nun zur Tagesordnung. Deshalb auch das Müllproblem. Die Sicherheit sei auch nicht mehr gewährleistet, weil während der Unruhen viele Kriminelle die Gefängnisse verlassen hätten. Zurzeit sei es die Aufgabe des Militärs, für Sicherheit zu sorgen. Und das Volk scheint grosses Vertrauen in das Militär zu haben. Im Gegensatz dazu hat die Polizei kaum mehr Rückhalt in der Bevölkerung. Während die Soldaten bei den Protesten rasch die Seite der Aufständischen ergriffen hätten, habe die Polizei auf die Menschen geschossen. Heute könne ein Polizist kaum alleine auf Patrouille gehen, ohne sich vor der Bevölkerung fürchten zu müssen. Erst wenn er sich neben ein paar Soldaten stelle, könne er womöglich wieder das Vertrauen der Menschen erlangen. Dieses Misstrauen gegenüber der Polizei habe hauptsächlich mit den Sicherheitskräften zu tun, die direkt dem Präsidenten unterstellt waren. Ben Ali habe eine Garde aufgebaut, die aus ungefähr 3000 jungen Männern bestanden habe, welche oft von klein auf in seinem Umfeld grossgezogen worden seien. Oft habe es sich dabei um ausgesetzte Kinder gehandelt, welche heute nach jahrelanger Gehirnwäsche und Erziehung zur Loyalität den ehemaligen Präsidenten als ihren Vater bezeichnen würden. Ungefähr 300 dieser Sicherheitsmänner seien in den letzten Monaten festgenommen worden. Wie dem auch sei, sowohl Ben Ali als auch die Polizei scheinen hier keinen guten Ruf zu haben.</p>
<p>Auch für Gaddafi und die Libyer im Allgemeinen hat der Rezeptionist nicht viel übrig. Hätte Libyen kein Öl, würde dort gar nichts funktionieren. Mit den Einnahmen aus dem Ölgeschäft würden in Libyen Geschäftszentren und Hotels gebaut, die Angestellten seien aber mangels qualifizierten Personals fast ausschliesslich Ausländer. Ägypter, Algerier, Tunesier, Bangladeschi und andere. Und dies beträfe alle Sektoren. Ein Libyer, der vor kurzem das Land verlassen und letzte Nacht das Hotel besucht habe, habe ihm erzählt, dass es kaum mehr Bäcker oder Friseure gäbe, nachdem die meisten Ausländer abgezogen seien.</p>
<p>Obwohl der Rezeptionist die aktuellen Probleme seines Landes deutlich sieht, eine Übernachtung im Hotel zurzeit fast halb so viel kostet wie noch vor ein paar Monaten und vieles noch ungewiss ist, blickt er guten Mutes auf die Wahlen im kommenden Juli. Das Leben geht weiter. Alhamdulillah.</p>
<p>Bei meinem Spaziergang durch die Hauptstadt am darauffolgenden Tag bestätigt mir die vorherrschende Atmosphäre die Sichtweise des Rezeptionisten. Die gelassene maghrebinische Mentalität lässt eine Revolution als eher unbedeutendes Ereignis im ohnehin schon immer schwierig gewesenen Alltag erscheinen. Alles nimmt seinen gewöhnlichen Lauf. Die Bazarhändler preisen ihre Ware an, Obst- und Gemüsestände schmücken die Strassen, die Männer sitzen in den Cafés, rauchen und trinken Tee. Und die Abfallberge türmen sich.</p>
<p>Nur die zahlreichen Panzer, welche die Avenue Habib Bourguiba säumen, erinnern daran, dass hier vor wenigen Monaten eine Regierung gestürzt wurde.</p>
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		<title>Nairobi &#8211; eine Stadt, zwei Welten</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Mar 2011 12:06:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Nairobi. Eine Stadt. Zwei Welten. Gepflegt und öde. Oder schmutzig und lebendig. In sich widersprüchlich. Irgendwie schizophren. Die hässlichste mir bekannte Stadt, und doch vermisse ich sie bereits und schreibe im Flug nach Zürich diese Zeilen. Nach einem Ausflug nach Eastleigh, das Somali-Viertel Nairobis, am ersten Tag meines Aufenthalts in Kenia verbrachte ich zwei Wochen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nairobi. Eine Stadt. Zwei Welten. Gepflegt und öde. Oder schmutzig und lebendig. In sich widersprüchlich. Irgendwie schizophren. Die hässlichste mir bekannte Stadt, und doch vermisse ich sie bereits und schreibe im Flug nach Zürich diese Zeilen.</p>
<p>Nach einem Ausflug nach Eastleigh, das Somali-Viertel Nairobis, am ersten Tag meines Aufenthalts in Kenia verbrachte ich zwei Wochen fast ausnahmslos in der pseudo-heilen Welt, welche die so genannten „internationals“ für sich selbst geschaffen haben. Der grösste Teil des Westens Nairobis besteht aus protzigen Botschaften, Residenzen mit parkähnlichen Gärten, Villen irgendwelcher möchtegern-humanitärer Nichtregierungsorganisationen, teuren Hotels mit Swimmingpools und jeder Menge Sicherheitsvorkehrungen.</p>
<p>Die Menschen, die in dieser Welt leben, glauben, sie befänden sich in Afrika. In Wirklichkeit kennen sie nur ihren kenianischen Chauffeur, ihre kenianische Köchin, ihren kenianischen Gärtner, ihres kenianische Hausmädchen und ihr kenianisches Sicherheitspersonal. Am Morgen lassen sie sich von ihren abgesicherten Wohnresidenzen zu ihren abgesicherten Arbeitsresidenzen und am Abend wieder zurück chauffieren. Ihre Kinder besuchen abgesicherte internationale Schulen und sehen so viel von der Welt wie einst die wohlbehüteten Sprösslinge Michael Jacksons. Mit ihrem Fahrer wechseln sie abgesehen von den Anweisungen kaum ein Wort. Ihre beliebtesten Gesprächsthemen sind der Verkehrsstau und die Sicherheit. Um das abgeschottete Leben in ihrer heilen Welt irgendwie legitimieren zu können, reden sie sich ein, dass ein Leben ausserhalb ihrer selbst errichteten Mauern verantwortungslos wäre. So ist es Mitarbeitern einiger ausländischer Vertretungen verboten, ein Matatu zu benutzen oder in Eastleigh einkaufen zu gehen. Manche dürfen ohne Spezialbewilligung nach achtzehn Uhr ihre Residenzen nicht mehr verlassen. Manchmal zeigen sie sich dann doch von ihrer besonders mutigen Seite und gehen spätabends noch aus. Selbstverständlich auch im Westen der Stadt. Und wenn sie dann in den überfüllten Klubs an ihren Drinks nippen, sich dabei die minderjährigen Nutten ansehen und auf dem Weg zum Chauffeur oder zum Taxi von kleinen Kindern angebettelt werden, dann denken sie: das ist halt Afrika.</p>
<p>Nairobi besteht aus zwei Welten. In der einen sticht der Dreck aus der Schönheit hervor, in der anderen die Schönheit aus dem Dreck. Der Chauffeur, die Köchin, der Gärtner, das Hausmädchen, die Sicherheitsleute arbeiten in der einen und leben in der anderen. Die so genannten „internationals“ arbeiten und leben in der einen und kennen die andere nicht.</p>
<p>Ich hatte das Glück, dass ich meinen Aufenthalt – der sich gezwungenermassen hauptsächlich in der einen Welt abspielte – mit einem Besuch in der anderen beginnen und abschliessen konnte und so einige bewundernswerte Menschen kennenlernen durfte.</p>
<p>Auch während meiner zwei Wochen in der einen Welt ist es mir gelungen, stets meine Oasen aus der anderen Welt zu finden. Beispielsweise in Gesprächen mit dem uns zugeteilten Chauffeur, einem bescheidenen und rechtschaffenen Mann, der vermutlich manche Laune seiner Kunden über sich ergehen lassen musste und dennoch immer anständig blieb. Als ich ihn in einer freien Stunde zwischen zwei Terminen in einem der zahlreichen schicken Restaurants auf eine Cola einlud, sprach ich ihn auf die zwei Welten Nairobis an und gab ihm zu verstehen, dass mich das anwiderte. Ihm schien vor Erleichterung, dass endlich jemand dieses Missverhältnis wahrnimmt, ein Stein vom Herzen zu fallen. Seither verstanden wir uns noch besser als zuvor.</p>
<p>Heute begleitete er meinen Kollegen und mich noch einmal nach Eastleigh. Ausnahmsweise nicht als Fahrer, sondern als Passagier. Es regnete stark. Zu afrikanischem Reggae und billiger Popmusik fuhr das überfüllte Matatu durch die mit riesigen Pfützen gefüllten Schlaglöcher in das somalische Shoppingparadies (auf den Stadtplänen der „internationals“ tief in der rot eingefärbten „no-go-area“). Eastleigh ist das faszinierende Handelszentrum Nairobis (siehe Blog vom 5. März 2011), angetrieben von den faszinierendsten Händlern Afrikas, den Somalis (in welchem anderen Land werden nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg in Bars oder auf dem Markt die Rechnungen per Mobiltelefonüberweisung beglichen?). Obwohl die meisten Somalis als Flüchtlinge oder als Illegale in Kenia leben, gelten sie eher als reich, was auf einige in Eastleigh lebende Geschäftsleute auch zutrifft. Dies zeigen auch die überrissenen Preise für Mietwohnungen. Dennoch befindet sich das Viertel im heruntergekommenen Osten der Stadt, und die Stadtverwaltung schert sich einen Dreck darum, etwas zur Verbesserung der Infrastruktur beizutragen (weshalb sich die somalischen Einwohner kürzlich auch dazu entschlossen haben, keine Steuern mehr zu bezahlen). Polizeipräsenz gibt es kaum. Die Beamten fürchten sich vermutlich vor der somalischen Eigendynamik. Nur hin und wieder gibt es Zeitungsmeldungen über Razzien oder ein paar durch die kenianische Polizei erschossene Somalis. In der Regel haben die Bewohner ihr Viertel selbst im Griff. So haben Kriminelle weniger die Justiz als den Mob zu fürchten. Wir sahen selbst, wie auf der anderen Strassenseite ein Dieb mit Stöcken blutig geschlagen wurde. Die aufgebrachte Menge bewies, dass Kriminalität in diesem Viertel nicht erwünscht ist.</p>
<p>Nach ein paar Stunden in Eastleigh gingen wir in den angrenzenden Slum Mathare Valley weiter. Während sich die „internationals“ über Verkehrsstau und Sicherheit unterhalten, gehören hier Bildung, HIV oder der Zugang zu Wasser zu den wichtigeren Gesprächsthemen. Unser Fahrer und Freund machte uns mit einem Mann bekannt, den ich so schnell nicht vergessen werde. Ein ausgebildeter Lehrer, der sich aus purer Nächstenliebe dazu entschloss, in diesem elenden Slum mit bescheidensten Mitteln eine Schule zu gründen. Sein Hauptziel bestand darin, die Kinder von der Strasse, dem Alkohol, den Drogen, der Prostitution fernzuhalten und ihnen eine Zukunftsperspektive zu verschaffen. Der stolze Mann managt heute eine Schule mit über zweihundert Kindern. Für umgerechnet etwa hundertfünfzig Franken mietet er mehrere Räume in Wellblechhütten. Seine Ehefrau führt die Bibliothek. Mehrere Lehrer arbeiten als Freiwillige und werden je nach Einnahmen eher symbolisch für ihre Dienste entschädigt. Das Schulgeld für ein Kind beträgt drei Franken im Monat. Manchmal kommen Eltern Ende Monat weinend beim Manager vorbei, weil sie das Schulgeld nicht bezahlen können. Da drückt er jeweils ein Auge zu. Wenn ein Kind mit leerem Magen zur Schule kommt, schickt er es mit ein wenig Kleingeld zum Slumkiosk, damit es sich danach im Unterricht besser konzentrieren kann. Mittlerweile ist die Schule von sechs bis achtzehn Uhr geöffnet. Je weniger die Kinder von den Missständen im Slum mitkriegen, desto bessere Menschen sollen sie werden. In den letzten fünfzehn Jahren habe sich bereits einiges geändert im Slum. Man habe ein Bewusstsein für die HIV-Problematik entwickelt, Kinder seien auf Grund der Schule immer weniger auf schiefe Bahnen geraten, und die Kriminalität sei zurückgegangen. Der Schuldirektor erzählte uns eine Anekdote, die den Einwohnern von Mathare Valley besonders im Gedächtnis geblieben sei.</p>
<p>Ein Familienvater sei nach beinahe zwanzig Jahren in den Slum zurückgekehrt, um seine Familie zu besuchen. Der mittlerweile erwachsene Sohn habe den gut gekleideten Herrn niedergestochen und ausgeraubt. Am Abend habe er seine Mutter weinend vorgefunden. Sie habe ihm vom schrecklichen Tod seines Vaters, den er nie gekannt hatte, erzählt.</p>
<p>Diese und andere Geschichten haben die Bevölkerung von Mathare Valley dazu gebracht, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und ohne Hilfe von aussen ein Viertel aufzubauen, in welchem sich wieder leben lässt.</p>
<p>Während hier unter schwierigsten Verhältnissen eine Zukunft geschaffen wird, sitzen im Westen der gleichen Stadt „internationals“ aus zahlreichen Ländern in klimatisierten Büroräumen, teuren Hotels und schicken Restaurants und überlegen sich, wie sie am besten ihre Millionen für die Entwicklungszusammenarbeit verpulvern könnten. Die Slumschule von Mathare Valley haben sie nie gesehen.</p>
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		<title>Uganda wird nicht umsonst die Perle Afrikas genannt</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Mar 2011 20:12:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tsigan</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Zwischen zwei anstrengenden Arbeitswochen im hektischen und höchst unfreundlichen Nairobi entschieden mein Kollege und ich uns spontan für einen kurzen Ausflug nach Uganda. Samstagmorgen bis Sonntagabend ist wenig Zeit, um ein neues Land kennenzulernen. Dennoch hat sich der kurze Ausflug mehr als gelohnt. Wir flogen frühmorgens von Nairobi nach Eldoret im Westen Kenias. Eldoret ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zwischen zwei anstrengenden Arbeitswochen im hektischen und höchst unfreundlichen Nairobi entschieden mein Kollege und ich uns spontan für einen kurzen Ausflug nach Uganda. Samstagmorgen bis Sonntagabend ist wenig Zeit, um ein neues Land kennenzulernen. Dennoch hat sich der kurze Ausflug mehr als gelohnt.</p>
<p>Wir flogen frühmorgens von Nairobi nach Eldoret im Westen Kenias. Eldoret ist eine mittelgrosse dreckige Provinzstadt, welche vermutlich nicht gerade dafür bekannt ist, den Tourismus des Landes anzukurbeln. So nahmen wir nach einem kurzen Spaziergang durch das angebliche Eastleigh (so heisst in Nairobi das Somali-Viertel; siehe mein letzter Blog) der Stadt, in welchem erstaunlich wenig Somalis zu sehen waren, ein Matatu (Mini-Bus), welches in die kenianisch-ugandische Grenzstadt Malaba fahren sollte. Nach ungefähr vier Stunden und mehrmaligem Umsteigen – als das Matatu nur noch zur Hälfte voll war, entschloss sich der Fahrer dann doch, die restlichen Passagiere einem Kollegen zu überlassen und mit neuen Kunden nach Eldoret zurückzukehren – erreichten wir schliesslich Malaba. Wir fuhren an etlichen – vermutlich stundenlang – wartenden Lastwägen vorbei, um schliesslich den Grenzposten zu Fuss zu erreichen. Chaotische Zustände. Zumindest den kenianischen Zoll hätte man problemlos ohne Reisepass passieren können. Kurz vor dem Grenzübergang fragte ich meinen Kollegen, was er auf der anderen Seite der Grenze erwarte. Ich selbst erinnerte mich an die iranisch-afghanische Grenze bei Eslam-Qaleh, welche zwei Welten voneinander trennt. Ich weiss nicht, ob es mehr Erwartung oder Hoffnung war, ein Uganda vorzufinden, welches sich ruhiger und angenehmer präsentierte als sein östliches Nachbarsland.</p>
<p>Wie dem auch sei, Malaba entpuppte sich zweifellos als ein Eslam-Qaleh Ostafrikas. Bereits nach den ersten Schritten auf ugandischem Boden, mussten wir feststellen, dass wir uns in einer anderen Welt befanden. Das unsympathische Nairobi in Erinnerung und das chaotische kenianische Malaba passiert, befanden wir uns in einer ausgesprochen ruhigen Umgebung, in welcher sich Menschen im Schatten von Bäumen ausruhten und Kühe träge aus Pfützen tranken. Je mehr wir ins Landesinnere eindrangen, umso klarer wurde mein Bild Ugandas. Ich neige beim Reisen dazu, meinem ersten Eindruck (zu) viel Gewicht beizumessen. Meistens bestätigt sich dieser dann auch beim besseren Kennenlernen einer Stadt oder eines Landes. Manchmal wendet er sich zum Positiven (z.B. Rabat, Marokko), sehr selten zum Negativen (z.B. Oradea, Rumänien). Mein erster Eindruck von Uganda war positiv und wurde mit jedem Erlebnis positiver. Wenn ich Kenia und Uganda in einem Satz vergleichen müsste, würde ich sagen, Kenia ist zwar zivilisierter als Uganda, aber Uganda zweifellos kultivierter als Kenia.</p>
<p>Die in Kenia allgegenwärtige Aggressivität im Verhalten der Menschen wurde von der ehrlichen Freundlichkeit der Ugander abgelöst. Die Matatu waren in Uganda zwar nicht weniger überbesetzt als in Kenia, die Fahrten waren aber angenehmer und die vorbeiziehenden Dörfer mit ihren runden Lehmhütten mit Strohdächern einladender. Trotz den teils ärmlichen Verhältnissen zogen wir an gepflegten Schulen, Kirchen und Moscheen sowie Fussballplätzen mit friedlich spielenden Jugendlichen vorbei, welche einen insgesamt überaus ruhigen Eindruck einer irgendwie zufriedenen Bevölkerung vermittelten. Und dies in einer Zeit, in welcher es infolge diverser Wahlen in verschiedenen Städten des Landes zu Ausschreitungen kam, welchen mit massiver Polizeipräsenz entgegengewirkt wurde.</p>
<p>Die Stadt Jinja, welche wir am Samstagnachmittag erreichten, nahm ich als Oase der Ruhe wahr. Als wir später erfuhren, dass hier noch am Tag zuvor demonstriert wurde und es dabei offenbar sogar Verletzte gab, konnte ich mir den vorgefundenen Zustand der Stadt kaum erklären. Wo wir auch hinkamen, waren die Menschen friedlich, liebenswürdig und vor allem ehrlich. Keine überrissenen Preise, freundliche und hilfsbereite Passanten, Polizisten und Soldaten, zuvorkommendes Hotelpersonal – die netten Damen an der Rezeption liessen uns ohne Bedenken mitsamt Gepäck im Stadtzentrum Geld wechseln, um zur Bezahlung erneut ins Hotel zurückzukehren.</p>
<p>Nach einer erholsamen Nacht – begleitet von zirpenden Grillen, heulenden Hunden, Vogelgezwitscher und etlichen undefinierbaren anderen Geräuschen – im familiären Gately on Nile schauten wir uns die so genannte Quelle des Nils unweit unseres Hotels an. Dieser Ort blieb, wenn auch eine Touristenattraktion, irgendwie idyllisch. Dies mag nicht zuletzt damit zusammenhängen, dass auch die Verkäuferinnen und Verkäufer der Souvenir-Stände ausgesprochen zurückhaltend sind. „Please come to see my shop!“, und wenn man halt nicht bei jedem Shop stehen bleibt, machen sie sich gar nichts draus und lassen einen in Ruhe weiter gehen. Wer einmal in einem x-beliebigen arabischen oder afrikanischen Land gewesen ist, weiss, dass dieses Verhalten bei Weitem nicht selbstverständlich ist. Und als ich dann eine Nilpferd-Holzfigur kaufen wollte – was ich in jedem Land, in welchem es Nilpferd-Holzfiguren gibt, mache – nannte mir die zuvorkommende Verkäuferin von Anfang an den richtigen Preis (nicht einmal halb so viel von dem, was ich als korrekten Preis erwartet hätte) und erklärte mir noch, dass es Leute gibt, die einem einen falschen Preis nennen. Unglaublich, diese Ehrlichkeit, die uns während dieser kurzen Zeit in Uganda immer wieder begegnete.</p>
<p>Nach ein paar Boda-Boda (Motorrad-Taxi-)Fahrten aus diversen Gründen verliessen wir schliesslich Jinja mit dem Bus Richtung Kampala. Begleitet von denselben liebenswürdigen Menschen – während der halben Fahrt schlief ein kleines Mädchen auf meinen und den Knien einer dem Mädchen unbekannten Frau – sahen wir während zweier Stunden weitere wunderschöne Landschaften an uns vorbeiziehen. Uganda steht für mich seit diesem Wochenende für die positiven Seiten des Afrikas, wie man es sich aus dem Bilderbuch vorstellt.</p>
<p>Dabei will ich keineswegs übersehen, dass es auch in Uganda massive Probleme gibt. Noch heute sind über fünf Prozent der erwachsenen Ugander HIV-positiv (immerhin waren es 1992 noch achtzehn Prozent). In der Hauptstadt Kampala sind auch die Bettler – oftmals kleine Kinder – nicht aus dem Stadtbild wegzudenken. Es ist offensichtlich, dass zahlreiche Menschen unter sehr bescheidenen Verhältnissen und bestimmt einige in grosser Armut leben. Die positive Einstellung zum Leben, die mir in diesem Land aufgefallen ist, weist jedoch in eine Zukunft eines Ugandas, welches manchem anderen Land dieser Welt als Vorbild dienen kann.</p>
<p>So, meine Lobhymne auf die Perle Afrikas nimmt hier ihr Ende. Und nachdem wir vorher nach dem Nachtessen in unserem Hotel in Nairobi von drei verschiedenen kenianischen Kellnerinnen regelrecht mit Sympathie überschüttet wurden, habe ich ein schlechtes Gewissen. Nairobi ist nicht ganz so böse, wie ich es am Anfang dargestellt habe <img src='http://www.tsigan.com/blog/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';-)' class='wp-smiley' /> </p>
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