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Eastleigh
Posted by: | CommentsEastleigh ist ein Aussenviertel Nairobis, welches 1921 gegründet wurde. Bis zur kenianischen Unabhängigkeit 1963 lebten viele Asiaten und Leute aus der afrikanischen Elite in diesem Viertel. Seit Jahrzehnten wird Eastleigh zunehmend von Somalis bewohnt. Die meisten Kenianer, die früher dort lebten, sind mittlerweile in andere Viertel umgezogen. So wurde Eastleigh zu einem „Little Mogadishu“, zu einem Viertel mit seinem eigenen florierenden Handelssektor, welcher ausschliesslich von Somalis kontrolliert wird. Die in Eastleigh angebotene Ware stammt hauptsächlich aus Mogadischu und Dubai. Auf den Märkten findet man Kleider, Schmuck, Waffen und die vor allem unter Somalis und Jemeniten beliebte Droge Khat.
Als ich heute Nachmittag ein bisschen durch das Zentrum Nairobis schlenderte, kam ich mit einem Kenianer ins Gespräch, einem jungen, angenehmen Typ, welcher mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in einer Einzimmerwohnung lebt und von Gelegenheitsjobs als Guide lebt. Wir spazierten gemeinsam weiter durch die Hauptstadt und sprachen über alles Mögliche. Als ich ihn auf Eastleigh ansprach, bemerkte er sofort, dass mein Interesse, diesen Stadtteil anzusehen, weitaus grösser war als jenes, Giraffen zu füttern und Babyelefanten beim Fussballspielen zuzuschauen. Wir verstanden uns sofort und machten uns auf den Weg zur Haltestelle des entsprechenden Minibusses.
Im Matatu fuhren wir inmitten zahlreicher Somalis nach Eastleigh. Auch mein kenianischer Freund ist einer dieser Einheimischen, die einst in Eastleigh lebten und sich dort auf Grund der Dominanz der Somalis irgendeinmal nicht mehr wohl fühlten. Heute lebt mein Freund im angrenzenden Viertel Mathare, welches den Slums von Eastleigh ähnelt. Der Übergang zwischen den beiden Stadtteilen wäre kaum zu erkennen, wenn nicht auf einer Seite Somalis und auf der anderen Seite Kenianer leben würden.
Wenn man Eastleigh mit dem Matatu vom Stadtzentrum aus erreicht, fallen zunächst zwei Dinge auf: der rege Handel und die schmutzigen Strassen. Und natürlich die Somalis. Hierzu ist aber zu sagen, dass auch viele Frauen auf der Strasse zu sehen sind und die meisten nicht gekleidet sind, wie sie sich heute unter dem Einfluss von Al-Shabaab in Mogadischu kleiden müssten. Hin und wieder begegnet man einer total verschleierten Frau oder einem Mann, dem man eine gewisse islamistische Prägung ansehen kann. Die meisten Somalis in Eastleigh scheinen aber einen eher moderaten Islam zu praktizieren.
Was mich als einziger Weisser im Umfeld von weiss Gott wie vielen Metern (oder Kilometern) erstaunte, war die Zurückhaltung der Leute. Kein einziges „Mister-where-do-yo-come-from?-England?-France?-Spain?“, was man aus arabischen Ländern nur zu gut kennt. Zeitweise hatte ich fast den Eindruck, kein Fremdkörper zu sein. Doch mein kenianischer Freund belehrte mich schnell eines Besseren. Als wir an einem Café vorübergingen, sagte er zu mir, dass die Leute es nicht gerne sehen würden, wenn wir uns dort hinsetzen würden. Und wie ich vermutete, meinte er mit „uns“ nicht in erster Linie mich, sondern noch fast mehr sich selbst. Die Somalis mögen nämlich die Schwarzen nicht sehr gerne. Dies mag jemanden, der sich weniger gut mit Somalia auskennt, vielleicht etwas erstaunen. Die Somalis sind doch schwarz? Nein, zumindest sehen sie sich nicht als Schwarze. Der somalischen Abstammungslegende zufolge stammen die somalischen Clans nämlich von Samaale und Saab ab. Diese waren Söhne von Hill, welcher wiederum vom Clan der Quraysh des Propheten Mohammed abstammen soll. Zudem gehört die somalische Sprache zu den hamito-semitischen (afro-asiatischen) Sprachen und ist somit dem Arabischen näher als den diversen schwarzafrikanischen Sprachen. So waren also mein kenianischer Freund und ich eigentlich beide Fremdkörper. Er in seinem eigenen Land und ich als Ausländer.
Zunächst spazierten wir durch das Handelszentrum Eastleighs. Weit und breit Geschäfte, Banken und Hotels. Teils sprechen wir von grossen teuren Gebäuden, welche man wohl in manchem Viertel Nairobis vermissen könnte. Mein Freund meinte, das Geld für diese Gebäude stamme hauptsächlich aus der Piraterie in Puntland. Zudem geht er davon aus – diese Ansicht teile ich nicht – dass auch Al-Shabaab zu einem grossen Teil von der Piraterie lebt. Meines Erachtens ist Al-Shabaab die einzige Konfliktpartei – die puntländische, somalische, amerikanische und die europäischen Regierungen mit eingeschlossen – welche die Piraterie effektiv bekämpft. Wie dem auch sei, in Eastleigh ist viel Geld im Umlauf. Viele der dort lebenden Somalis leben vermutlich viel besser als ein Grossteil der Kenianer Nairobis. Und irgendwie schauen beide Seiten ein wenig aufeinander herab. Die Somalis auf die Kenianer, weil diese schwarz und wirtschaftlich weniger entwickelt sind. Die Kenianer auf die Somalis, weil diese weniger zivilisiert sind und im Dreck leben. Und wenn ich mich in die jeweilige Perspektive versetze, bin ich fast versucht zu sagen, dass an beiden Vorurteilen ein bisschen etwas dran ist. Auf jeden Fall ist es offensichtlich, dass die Strassen Eastleighs trotz der florierenden Wirtschaft verdammt schmutzig sind. Dennoch war ich nach meinem ersten Eindruck etwas erstaunt, dass es den Somalis Eastleighs besser zu gehen scheint als vielen Kenianern Nairobis. Was ich in Eastleigh erwartete, blieb mir aber nicht erspart. Mein kenianischer Freund wollte mir nämlich seine Einzimmerwohnung in Mathare zeigen. Auf dem Weg dorthin führte er mich durch die Slums von Eastleigh. Was ich dort sah, habe ich bisher noch nie gesehen. Einzig Kibera im Südwesten Nairobis, der angeblich zweitgrösste Slum Afrikas, stelle ich mir noch schlimmer vor.
Eine staubige Strasse trennt den besseren Teil Eastleighs von dessen Schattenseite. Bereits an dieser Strasse sehen die Geschäfte anders aus. Auch die Menschen sehen anders aus. Ärmer, kränker, resignierter. Auf der besseren Seite der Strasse leben die Menschen, auf der Schattenseite überleben sie. Obwohl ich über ein wenig Erfahrung im Reisen verfüge und nicht so schnell vor möglicherweise gefährlichen Situationen zurückschrecke, fragte ich meinen kenianischen Freund schüchtern, ob es denn wirklich sicher sei, wenn wir zwei durch diese Umgebung schlenderten. Er meinte, no problem. Da ich ihm gut vertraute und diesen Teil des Viertels echt gerne sehen wollte, liess ich mich rasch von ihm überzeugen. Der Slum befindet sich in einer Art grossen Halde auf der anderen Seite der Strasse. Als Weisser wäre ich dort in der Nacht oder ohne meine kenianische Begleitung vermutlich erschossen worden. Die grösste Gefahr stellte heute jedoch kein bewaffneter khatsüchtiger Somali dar, sondern, gerade vor Betreten des Slums beim Überqueren der Strasse, dieser verdammte britische Linksverkehr. Nachdem der LKW von rechts durch war, eilte ich in der naiven Überzeugung, das Schlimmste würde mich jetzt im Slum erwarten, der anderen Strassenseite entgegen. Der Somali im roten Wagen – tut mir leid, ich kann mir bei Autos nur die Farben merken – machte eine Vollbremse und schaute mich entsetzt an. Ich reagierte auch rechtzeitig und machte einen Schritt zurück. Doch es fehlte nicht viel, und ich hätte ihm auf die Haube springen müssen.
So betrat ich mit dem nötigen Adrenalinschub den Slum. Erdige Wege führten durch die rostigen Blechhütten. Auf dem Weg zahlreiche schmutzige Kinder beim Spielen. Männer und Frauen vor den Hütten sitzend, teils am Arbeiten, teils am Zeittotschlagen. Im Bewusstsein, dass der Monat März in Nairobi durchschnittlich elf Regentage hat, stellte ich mir den entsprechenden Geruch in diesem Slum vor. Für diese Menschen muss das Leben hart sein. Teils kennen sie noch das einstige Somalia, in welchem sie unter der Diktatur Siad Barres zwar keine politische Freiheit genossen, jedoch im Alltag als freie zivilisierte Menschen leben konnten. Einige stammen vielleicht sogar aus guten Familien, die im Bürgerkrieg alles verloren haben und nun in dieser Halde dahinvegetieren. Die Kinder kennen wohl oft gar nichts Anderes als diesen Slum. Ein trauriger Anblick. Dennoch schienen die meisten Menschen freundlich und irgendwie auch nicht interessiert an der Anwesenheit eines Weissens in ihrem Wohngebiet. Ich war einmal mehr erstaunt, dass wir auch hier nicht angesprochen wurden. Die Menschen gingen ihren Tätigkeiten nach, und manche von ihnen schienen unsere Anwesenheit gar nicht bemerkt zu haben. Einzig eine ältere betrunkene Frau wollte ihr Glück versuchen und verfolgte uns bestimmt zwei Kilometer weit. Irgendwie tat sie mir leid, und ich war mehrmals versucht, ihr Geld zu geben, als sie auf mich einredete. Besonders der Satz „This is not my world. This is no ones world,“ berührte mich. Doch die Tatsache, dass manche der anderen Menschen, die mich nicht um Geld baten, es dringender gebraucht hätten als sie, und mein kenianischer Freund hielten mich davon ab. Wir gingen mehr oder weniger unbeirrt weiter, und sie liess nicht locker. Mein Freund versuchte mehrmals, sie abzuschütteln. Doch sie blieb hartnäckig, fasste mich am Arm und redete auf Swahili und Englisch auf uns ein. Die anderen Somalis, welche die Szene verfolgten, amüsierten sich nur und gaben uns mit ihren Blicken zu verstehen, dass die Frau dafür bekannt ist, in angetrunkenem Zustand Leute um Geld anzuquatschen. Zweimal hatte mein kenianischer Freund genug davon und schubste die Frau zurück. Dies tat er zwar überhaupt nicht gewaltvoll, aber die Frau, die über kein gesundes Gleichgewicht mehr verfügte, fiel zweimal auf den staubigen Weg. Im Bewusstsein, dadurch ihre Begleitung für weitere paar hundert Meter zu gewinnen, reichte ich ihr beide Male die Hand und entschuldigte mich für das Verhalten meines Freundes. Und so folgte sie uns bis wir den Slum auf der anderen Seite wieder verliessen.
Auf einer Anhöhe zwischen dem Slum und Mathare blickten wir über die immense Halde mit ihren Blechhütten. Unweit von uns brannte eine Hütte. Zahlreiche Männer versuchten, von den angrenzenden Dächern aus mit kleinen Eimern die Flammen zu löschen. Ihr Unterfangen schien so aussichtslos wie das Leben auf der Schattenseite von Eastleigh zu sein.
Oslo – ein globales Dorf?
Posted by: | CommentsOslo. Eine sehr eigenartige Stadt. 600’000 Einwohner und doch erinnert alles irgendwie an ein grösseres Dorf. Ein globales Dorf. Irgendwie sympathisch, und irgendwie doch etwas beängstigend. Die Menschen scheinen hier alle zufrieden zu sein. Norwegen soll wie die anderen skandinavischen Staaten bekannt sein für sein vorbildliches funktionierendes Sozialsystem. Staatliche Sozialversicherung, und allen geht es gut. Sogar unter Migranten ist Norwegen trotz seiner Kälte ein beliebtes Zielland. Alles scheint hier perfekt zu sein.
Um festzustellen, dass dem bei Weitem nicht so ist, reicht aber bereits ein kurzer Spaziergang durch die Innenstadt. Zahlreiche Bettler sitzen bei Minustemperaturen am Strassenrand. In den nächtlichen Stunden wimmelt es nur so von nigerianischen und ghanaischen Prostituierten und Koksdealern. Jedes noch so kleine Strassencafé wird durch Sicherheitspersonal überwacht. Streifenwägen und Ambulanzen scheinen häufiger zu verkehren als gewöhnliche private Autos. Und die Zufriedenheit der durchschnittlichen Norweger scheint in einem direkten Zusammenhang mit deren Alkoholkonsum zu stehen. Bis spät in die Nacht vergnügen sie sich in Pubs und Piano-Bars, trinkend und johlend zu Musik, die sich in der Schweiz wohl nur noch randständige Altrocker zu Gemüte führen würden. Die gespielten Songs scheinen immer dieselben zu sein, da alle ununterbrochen YB-Chor-mässig mitsingen. Dazu machen alle ein bisschen mit allen rum. Und am Schluss gehen alle alleine nach Hause. Irgendetwas scheint hier schief zu laufen. Oder vielleicht sollte es genau so sein.
Die Ausländer, die in Oslo nicht gerade schwach vertreten sind, leben in einer Art Parallelgesellschaft. Die einen scheinen am Nachtleben nicht teilzuhaben, weil sie arbeiten. Araber und Kurden verkaufen in Imbissbuden und Nonstop-Lebensmittelgeschäften. Ostasiaten fahren in ihren Rikschas betrunkene Gäste sowie Prostituierte samt Freier nach Hause. Bangladeschi bieten, wie überall auf der Welt, ihre Rosen an. Die Nutten und Dealer suchen eifrig nach Kundschaft. Und die anderen scheinen ihren Platz in der norwegischen Gesellschaft irgendwie noch nicht gefunden zu haben, schlendern durch die Strassen, stehen vor Clubs herum und quatschen untereinander.
Auch tagsüber ist die Segregation – die Folge gescheiterter Integration – deutlich zu erkennen. Auf den ersten Blick fand ich es zwar äusserst sympathisch, zu sehen, wie jede Community ihre eigenen Treffpunkte hat. Um eine dieser Gemeinschaften ein wenig besser kennenzulernen, betrat ich als einziger Weisser ein somalisches Teehaus, bestellte einen Tee, gesellte mich zu den ungefähr zwanzig Somalis, welche Aston Villa – Manchester United schauten und dazu lautstark diskutierten. Der Typ hinter dem Tresen schien zwar am Anfang leicht verwirrt zu sein, doch die Blicke der Gäste waren weniger misstrauisch als ich es erwartet hätte. So begann ich mit einem jungen Somali ein Gespräch. Und obschon dieser bis zum Schluss etwas skeptisch blieb und nicht ganz alles preisgab, was ich von ihm wissen wollte, entstand ein äusserst interessantes Gespräch über das alltägliche Leben in Norwegen und in der Schweiz und über die politische Situation in Somalia. Und ich bin überzeugt, dass eine ebenso interessante Diskussion entstanden wäre, hätte ich mich zu einem Kurden in der Imbissstube auf der anderen Strassenseite hingesetzt. Und obschon die Atmosphäre in diesen beiden Gemeinschaften und wohl auch in allen anderen zu stimmen schien, sollte es eigentlich nicht so sein. Denn genau diese getrennten Welten in ein und derselben Stadt gefährden die Zukunft der Stadt. In der Anfangsphase mögen diese Parallelgesellschaften noch einigermassen harmonisch aneinander vorbei leben. Doch irgendeinmal wird es zu spät sein, sie miteinander zu verbinden.
Deshalb freue ich mich auf den Tamilen vom Lebensmittelgeschäft vor meinem Block, der mich am Montagmorgen wieder in seinem breiten Berndeutsch begrüssen wird.
Gefährliche Assoziationen
Posted by: | CommentsWie so oft bei SVP-Initiativen geht es bei dieser Initiative nicht in erster Linie um den Inhalt und den Ausgang der Abstimmung. Es geht viel mehr darum, Angst zu schüren. Es geht darum, im kollektiven Bewusstsein der schweizerischen Bevölkerung gefährliche Assoziationen zu wecken.
Wie beim War on Terror geht es in diesem Abstimmungskampf darum, dass wir in unseren Gehirnen Dinge miteinander in Verbindung bringen, die nichts miteinander zu tun haben. Afghanistan und Osama Bin Laden. Saddam Hussein und Massenvernichtungswaffen. Islam und Terrorismus. Ausländer und Kriminalität.
Je öfter wir gewisse Dinge in ein und demselben Zusammenhang wahrnehmen, desto eher glauben wir letztendlich, dass tatsächlich ein Zusammenhang zwischen diesen Dingen besteht.
Das Ziel der SVP-Ausschaffungsinitiative ist es, eine grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber AusländerInnen in der Schweiz zu erzeugen, eine gefährliche diskursive Explosion auszulösen. Und leider sind wir auf bestem Weg, dieses Ziel zu erreichen. Alle spielen mit. Die Regierung, die Bevölkerung, und allen voran die Medien!
Wie der SVP geht es auch mir nicht in erster Linie um den Ausgang der Abstimmung. Es geht mir insbesondere darum, dass wir wieder lernen, selbst zu denken statt für uns denken zu lassen! Selbst zu erkennen, zwischen welchen Dingen ein Zusammenhang besteht und zwischen welchen nicht!
Trotz meiner Verachtung für alle Scheindemokratien dieser Welt werde ich am 28. November 2010 zwei mal Nein stimmen.
Amöben, antike Löwen und die europäische Vulkanhysterie
Posted by: | CommentsEigentlich hätte ich in Afghanistan noch weiter schreiben wollen, doch die Zeit verging, es gab viel zu sehen und zu diskutieren, und am Tag vor der Abreise schien ich etwas Übles gegessen zu haben, so dass die Rückreise nicht gerade angenehm verlief. Den Sonntag Morgen verbrachte ich zwischen Bett und Toilette, ein afghanischer Freund besorgte mir in der Apotheke ein pakistanisches Medikament, und um 14:00 ging dann die Reise Richtung Iran los. Begleitet von Bauchschmerzen, Übelkeit und einem Afghanen aus Deutschland fuhren wir während ungefähr acht Stunden mit dem Taxi von Herat nach Mashhad in den Iran zurück. Davon gingen wohl etwa zwei Stunden am Zoll drauf. Die afghanischen Beamten sind ja völlig in Ordnung. Wenn man bedenkt, dass die Polizei im Grenzgebiet von Herat eine Art Pilotprojekt für Afganistan ist, und dass die Löhne dieser Beamte miserabel sind, dann würde ich sogar meinen, dass sie ihren Job verdammt gut machen. Bestimmt besser als die ausländischen Truppen, die ihr Land besetzen, und bestimmt besser als ihre iranischen Kollegen. Unser iranischer Taxifahrer (derselbe wie bei der Hinreise) machte bei etlichen Kontrollen vor der Grenze wieder ein paar hundert Tuman locker, die Beamten strahlten und freuten sich auf seinen nächsten Besuch. Am Zoll wurde das Gepäck zwar mehrmals ausgepackt, aber alles in einem anständigen Rahmen. Wäre mir nicht so verdammt übel gewesen, hätte ich mich wohl darüber amüsiert. Bereits die afghanischen Zöllner prüften insbesondere zwei Gegenstände in meinem Gepäck eingehend: Eine metallige Vase und eine Figur eines Löwens. Beides habe ich bei einem Trödler in Herat gekauft, der seit vierzig Jahren (zumindest) antik(e) (aussehende) Artikel an die wenigen Touristen und ausländische Soldaten verkauft. Die meisten seiner Waren sind wohl halb so antik, als er angibt, aber es dürften doch einige darunter sein, von denen er wohl selber nicht weiss, dass sie tatsächlich alt und womöglich wertvoll sind. Wie dem auch sei, die Zollbeamten sollten natürlich dafür sorgen, dass keine alten wertvollen Kulturgüter gestohlen, verkauft und ausgeführt werden. Denn schliesslich sollten diese in einem afghanischen und nicht in einem britischen oder französischen Museum landen. Und die Beamten prüften meine Vase und meinen Löwen genau. Die beiden Objekte gelangten von einem Zöllner zum nächsten, dann verschwand mal einer für eine Minute, ein anderer kam mit den Souvenirs wieder zurück, mal stellten sie sie mir wieder hin, mal nahmen sie sie wieder weg. Aber nach einiger Zeit schienen sie sich einig zu sein, dass die beiden Dinge nicht in ein Museum gehören und gaben mir sie definitiv zurück. Bei der offiziellen Passkontrolle (das war bei Weitem nicht die einzige Kontrolle, bei welcher wir den Pass vorweisen mussten) gab es dann Foto-Sessions. Offenbar waren zwei Schweizer Touristen ein paar Schnappschüsse für’s Familienalbum wert. Die Kontrolle verlief dann ganz angenehm, alle waren glücklich und “see you tomorrow”. Die Kollegen von der Kontrolle um die Ecke warfen uns dann vor, dass sie uns doch schon bei der Einreise gemahnt hätten, dass Fotografieren an der Grenze nicht erlaubt sei. Als wir sie darauf aufmerksam machten, dass wir auf Wunsch der Zöllner hingehalten hätten, trugen sie den Verstoss gegen das Gesetz mit Fassung. Wir verliessen Afghanistan mit einem guten Eindruck von seinem Volk und seinen Beamten. Unser deutsch-afghanischer Freund entschuldigte sich mehrmals für das inkorrekte Verhalten seiner Landsgenossen, und wir versuchten ihm zu erklären, dass uns dieses Verhalten sympathischer sei, als jenes europäischer Beamte. Die iranischen Zöllner waren dann unseren Beamten wieder viel ähnlicher. Unfreundlicher, pseudo-korrekter, verkrampfter. Eben Beamte. Und die Löwen-Vase-Geschichte begann von vorne. Offenbar waren die beiden Souvenirs doch Kandidaten fürs Museum. Aber dann wäre mir der Löwe im Zimmer meines Bruders doch besser aufgehoben als im Zimmer des iranischen Zöllners oder auf dem iranischen Schwarzmarkt. Nach mehrmaligem Herumgeben, Hinstellen, Wegnehmen, Nachfragen hiess es “Problem” und Mitkommen auf die Station. Mein deutsch-afghanischer Freund begleitete mich als Dolmetscher, und meine bescheidenen Farsi-Kenntnisse brachten mir wohl weniger Sympathien als Misstrauen ein. Die Verhandlung auf dem Posten dauerte wohl ungefähr eine halbe Stunde. Viele Fragen, viele Antworten, einige Telefonate. Ja, wir haben den Löwen für zehn Dollars auf dem Bazar gekauft. Nein, er ist nicht antik. Ja, es gab noch zehn genau gleiche Vasen mit dem genau gleichen Muster drauf. Ja, die afghanischen Zöllner haben die Objekte auch schon geprüft und festgestellt, dass sie nicht antik sind. Je mehr Fragen, desto mehr glaubte ich selbst daran, dass sie womöglich doch antik waren. Und der iranische Beamte ging mir mächtig auf den Sack. So ein richtiger Arschloch-Beamter. Er ging sogar so weit, dass er sagte, ich müsse wohl wegen dem Löwen den Flug verschieben. Nach tausend Fragen und tausend Antworten kam er dann – ohne Bestechung! – zum Schluss, dass ich die Dinge behalten dürfe. Und er fügte hinzu, dass ich nun aber nicht überall schlecht über die iranischen Beamten sprechen soll (An dieser Stelle meine hochoffizielle Reue. Ich habe es doch getan, mein lieber Freund!). Nach weiteren Kontrollen und weiteren Stunden im Taxi kamen wir dann am Flughafen von Mashhad an. Bereits in Afghanistan haben wir natürlich von den unglaublichen Auswirkungen des Eyjafjallajökull auf das Gemüt und den Luftraum der Europäer gehört, aber dass unser türkischer Fluggesellschaftstyp im Iran dermassen verstört sein würde, hätten wir nicht erwartet. Nein, wir können Sie unmöglich nach Istanbul fliegen lassen, dort gibt es weder Flüge noch Hotels noch sonst irgendwas. Und überhaupt, Schweizer brauchen für die Türkei ein Visum. Nach etwa einer halbstündigen Diskussion stellte er uns dann das Ticket aus. Unter der Bedingung, dass wir einen türkisch geschriebenen Fresszettel unterschrieben, auf welchem gemäss seinen Aussagen stand, dass er keine Verantwortung dafür übernehme, wenn wir in Istanbul verloren seien und nicht weiterkämen. So durften wir nach etwa drei Stunden tatsächlich die Maschine besteigen und kamen um sechs Uhr morgens in Istanbul an. Dort wurden wir abgeholt und standen vor der Wahl, ob Hotel, Barcelona, Wien oder Milano. Das nenn ich osmanische Gastfreundschaft. Eine Stunde später sassen wir im Flugzeug nach Milano und freuten uns auf eine nur dreistündige Heimreise im Zug. Kurz vor der Landung hiess es aber “This is your Captain speaking…” Willkommen in Rom. Offenbar wurde über dem Milaneser Himmel ein schwarzes Wölkchen gesichtet, und die europäischen Alarmglocken schlugen bis zu unserem türkischen Captain hoch oben über den Wolken. Irgendwie erinnert mich diese Vulkangeschichte an die Schweinegrippe. Wieder mal so eine total aus jeglichen Relationen gerissene durch die Medien aufgepimpte Story, die globale Hysterie verbreiten kann. Apropos Relationen. Ich würde meinen Kopf darauf verwetten, dass die Chance, während eines Meters Taxifahrt durch Teheran umzukommen, um einiges grösser ist, als jene, dass ein Flugzeug abstürzt, nachdem es durch eine schwarze Wolke geflogen ist. Und wenn wir schon dabei sind: ein Verkehrsunfall in Teheran ist auch mindestens hundertmal realistischer als in Herat, Afghanistan bei einem Bombenanschlag ums Leben zu kommen. Aber gewisse Dinge machen uns eben mehr Angst, weil wir sie dauernd lesen und hören müssen. Wie dem auch sei, man kommt auch innerhalb von acht Stunden mit dem Zug von Rom nach Bern, wenn alle Züge, die von Italien in die Schweiz verkehren, während den nächsten vier Tagen ausgebucht sind. Und dies sogar für weniger Geld. Hiermit mein Mitleid für diejenigen, die aufgrund der europäischen Vulkanhysterie immer noch an den unzähligen überfüllten Ticketschaltern stehen und auf ihr Glück warten. Sorry, ich hab keine Zeit für solchen Scheiss! “Früählig in Bümpliz” muss raus und ich sollte wieder arbeiten gehen!
Was das pakistanische Medikament betrifft, so erfuhr ich heute, dass es sich um ein Mittel zur Bekämpfung vom Amöben handelte.
Cheers
Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen
Posted by: | CommentsHuuu wo soll ich anfangen? Heute war ein sehr intensiver Tag. Ich bin zwar sonst in fremden Laendern sehr ungern mit einem Art “Guide” unterwegs, doch ich muss ehrlich sagen, dass der 19-jaehrige Afghane, der uns heute durch Herat fuehrte, eine grosse Hilfe war. Als Auslaender mit geringen Farsi-, geschweige denn Dari-Kenntnissen waere man alleine in Herat wohl etwas aufgeschmissen. Zudem waren die Gespraeche mit ihm und anderen Afghanen sehr interessant. Ich moechte jetzt hier keine Zeit damit verlieren, Euch ueber die Sehenswuerdigkeiten von Herat zu erzaehlen (aber als kleine Bemerkung am Rande: Herat ist eine der wichtigsten historischen Staedte Zentralasiens). Ich moechte lieber ueber die Dinge sprechen, die Afghanistan zurzeit leider in der ganzen Welt bekannt machen. Und dies sind nunmal nicht die Mausoleen und die Festungen Alexanders des Grossen, sondern die Taleban und die amerikanischen Besatzungstruppen. Um es kurz zu machen: Die Afghanen scheinen sich in dem Punkt einig zu sein, dass es nicht das Ziel der Amerikaner war oder ist, die Taleban auszuloeschen. Das ist ja auch kein Geheimnis und duerfte jedem passiven europaeischen Zeitungsleser bereits aufgefallen sein. Zudem teilen Sie meine Vermutung, dass sowohl die USA als auch Pakistan hinter der Bewegung der Taleban stehen und diese foerdern. Auch der Iran wird als Foerderer der Taleban betrachtet. Allerdings scheinen auch die Afghanen nicht genau zu wissen, weshalb dem so ist. Die Motive hinter dem Interesse an einem weiterhin unsicheren und gefaehrlichen Krisenherd Afghanistan bleiben den betroffenen Menschen verborgen. Fakt ist, dass nur einige wenige Staedte wie Herat, Kabul, Mazar-i Sharif und kleinere Staedte in den zentralen Provinzen des Hazarajat einigermassen sicher sind, und dass der Rest des Landes sowohl fuer Afghanen als auch fuer Auslaender hoechstgefaehrlich bleibt. So wuerde ein Afghane aus Herat keinesfalls auf dem Landweg nach Kabul fahren. Problematisch sind in diesem Fall nicht nur die Taleban, die insbesondere in den suedlichen Provinzen wie Qandehar und Helmand noch stark vertreten sind, sondern auch gewoehnliche Kriminelle, die mittels Entfuehrungen und Gelderpressungen ihr taegliches Brot verdienen. Vor diesem Hintergrund erstaunt es kaum, dass die Afghanen das Vertrauen in die grossen Weltmaechte verloren haben. Zuerst haben die USA die Taleban (indirekt) hervorgebracht. Dann haben sie mit dem Vorwand, dieselben Taleban zu vernichten, Afghanistan angegriffen. Und heute, fast neun Jahre nachdem sie den einaeugigen greisen Anfuehrer dieser Koranschueler auf einem Motorrad davonfahren liessen, fuehren sie immer noch einen Scheinkrieg gegen einen Scheinfeind. In einem Land, in welchem weder die Werte der Taleban noch jene der Amerikaner willkommen sind. Gegen eine Bevoelkerung, die sich lediglich nach Sicherheit sehnt. So mag es auch nicht erstaunen, dass die Afghanen kein Vertrauen in die Marionette Karzai haben. So vemutet man in Herat den Praesidenten Karzai hinter dem Anschlag auf den Sohn Ismail Khans, des grossen Mannes und einstigen Gouverneurs von Herat. Auch die Versetzung Ismail Khans in ein unbedeutendes Ministerium wird aehnlich interpretiert. Khan hat zu viel Gutes fuer Herat geleistet und wurde dem Praesidenten und seinen Falken zu einflussreich. Es ist traurig mitanzusehen, wie viele motivierte und engagierte junge Leute dieses Land besitzt und wie klein deren Moeglichkeiten sind, sich fuer ihr eigenes Land einzusetzen und an dessen Aufbau teilzuhaben. Es ist traurig, dass ein junger afghanischer Polizist nach einem Angriff seitens der Taleban die anwesenden amerikanischen Soldaten fragen muss, weshalb sie ihm nicht geholfen haben. Es ist traurig, dass er sich dann anhoeren muss, diese haetten von nichts gewusst, und er verstehe ja nicht einmal richtig Englisch. Es ist auch traurig, dass ein junger Afghane auf seinem Motorrad erschossen wird, nur weil er den Sicherheitsabstand zum italienischen Militaerfahrzeug offenbar leicht ueberschritten hat. Hierzu gaebe es wohl unzaehlige weitere Beispiele. Die Afghanen fuehlen sich hintergangen, auf gut Deutsch verarscht. Und zwar von allen Seiten. Kein Wunder. Der moderne Staat Afghanistan wurde ja quasi als Pufferzone zwischen Russland und Britisch-Indien gegruendet. Und diese Funktion scheint das Land noch heute auszuueben. Nur heissen die Nachbarlaender heute Amerikanisch-Pakistan und Erdgas-Turkmenistan. Die Geschichte bleibt dieselbe, nur die Schauspieler wechseln. Und Afghanistan hat in dieser Geschichte leider die Arschkarte gezogen.
“Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen”
Ich mag zwar den Titel diese Buches nicht, dennoch beschreibt er das Schicksal dieses Landes sehr deutlich. Dieses Buch handelt nicht direkt vom politischen Geschehen in Afghanistan, doch die Geschichte der intelligenten und selbstbewussten Afghanin Shirin-Gol ist unfreiwillig mit der Politik des Landes verbunden. Geschrieben hat das Buch die Iranerin Siba Shakib. Sehr empfehlenswert.
Afghanistan
Posted by: | CommentsNach fast 20 Stunden Fahrt in Bus und Taxi bin ich ziemlich erschoepft und muede. Es braucht auch seine Zeit, die ersten Eindruecke in Afghanistan zu sammeln und zu verarbeiten. Ich haette nicht gedacht, dass das Afghanistan, das direkt hinter der iranischen Grenze liegt, sich so sehr vom Iran unterscheidet. Nachdem wir die Passkontrollen passierten, merkten wir aber ziemlich rasch, dass wir es hier mit einem anderen Land zu tun haben; nicht nur anhand der Kommentare des iranischen Taxichaffeurs und des reichen afghanischen Businessman, der uns begleitete (Als kleine Anekdote am Rande: dieser Afghane schien zwar sehr reich zu sein, aber er war nicht halb so arrogant wie die zahlreichen Teheraner aus der Oberschicht!). Schon nach den ersten Metern auf afghanischem Boden konnten wir feststellen, dass wir es hier mit einem Land zu tun haben, welches sich im Aufbau befindet. Die Beamten am Zoll und bei den zahlreichen “Kontrollen” danach waren alle sehr freundlich und anstaendig, kleine Schmiergelder seitens des Taxichauffeurs gehoeren aber zur Tagesordnung. Manchmal reichte aber auch ein Laecheln mit der Bemerkung, dass er dann auf der Rueckfahrt ein paar Geldscheine locker mache. Noch krasser war der Unterschied zwischen den beiden Laendern in der Architektur zu sehen. Unmittelbar nach der Grenze fuhren wir an mehreren Doerfern aus Lehmhuetten vorbei. Teils waren an den zerbombten Daechern auch noch klar die Spuren des Krieges zu sehen. Zwischen den Doerfern immer wieder etliche Schafhirten, und an den Strassenraendern viele Kinder. Auf Motorraedern kamen uns immer wieder Typen entgegen, welche der gewoehnliche Europaeer als Taliban bezeichnen wuerde. Trotz Aufhebung der Burqa-Tragepflicht, sind auch immer noch einige Frauen in Form von Zelten zu sehen. Militaer- und Polizeipatrouillen mit bewaffneten und schussbereiten Uniformierten auf den Pickups gehoeren auch zum Landschaftsbild. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten davon Afghanen waren. Vorher wurde ich aber gerade darueber aufgeklaert, dass die ISAF-Truppen auch hier in Herat immer noch praesent sind. In Herat sind das hauptsaechlich italienische Truppen. Den zurzeit stattfindenden Aufbau des Landes ist auch an den unzaehligen Lastwagen und Transportern auszumachen, die von der Grenze aus in Richtung Stadt fahren. Viele deutsche Firmen, aber auch polnische, slowenische oder niederlaendische scheinen daran beteiligt zu sein. Eindruecklich ist insbesondere die Einfahrt in die Stadt Herat, wo ueber Kilometer LKW’s, Autowracks und Werkstaetten mit Ersatzteilen zu sehen sind. In der Stadt selbst findet man dasselbe Verkehrschaos vor, an welches man sich aus dem Iran gewoehnt ist. Der einzige Unterschied dabei ist, dass die Sicherheitskraefte hier bewaffneter sind als im Iran. Und das Stadtbild scheint in Afghanistan insgesamt farbiger zu sein. Mehr dazu moechte ich aber heute noch nicht sagen. Und was das Essen anbelangt, so habe ich im Iran waehrend zwei Wochen kein einziges Mal so gut gegessen wie eben gerade
Teheran – Mashhad – Herat
Posted by: | CommentsUnd los geht’s! Mit dem Nachtbus nach Mashad und morgen nach Herat, Afghanistan. Heute die Visa auf der afghanischen Botschaft abgeholt und dort eine interessante Bekanntschaft gemacht: Ein Schweizer, der waehrend sechs Jahren mit dem Motorrad um die Welt faehrt. Wen’s interessiert, hier seine Homepage (ich hatte selbst noch keine Zeit, reinzuschauen): http://www.motorbikeworldtour.com
Also, dann bis zum naechsten Mal!
“Ich bin ein Afghane!”
Posted by: | Comments(Fortsetzung von “Buerokratie”) Aber jetzt zurueck zum Leben. Wenn ich mich richtig erinnere, leben im Iran nach offiziellen Angaben ungefaehr zwei Millionen afghanische Fluechtlinge. Diese Information sollte reichen, um sich die afghanische Botschaft in Teheran vorstellen zu koennen. Das Bild ist vielleicht vergleichbar mit einer Gassenkueche in einer wirklich armen Gegend. Und manche Afghanen kreuzen waehrend einer Woche jeden Morgen bei der Botschaft auf, weil die Kapazitaeten der Botschaft keinesfalls dazu ausreichen, die Anliegen aller Migranten zu behandeln. Aber im Unterschied zu den reichen, fetten und arroganten TeheranerInnen sind die AfghanInnen geduldig und respektvoll im Umgang mit Ihren Mitmenschen. Auf der Bank sprach mich ein 19-jaehriger Afghane in ziemlich gutem Englisch an. Seine Familie lebt in verschiedenen afghanischen und iranischen Staedten. Er selbst stammt aus dem afghanischen Norden, aus Sar-e Pol. Nach mehreren Jahren im iranschen Qom kehrt er nun alleine nach Kabul zurueck, um dort zu arbeiten. Falls er Probleme haben sollte, kehre er wieder in den Iran zurueck. Als er dem iranischen Bankangestellten den Einzahlungsschein und die paar Muenzen hinhielt, wurde er von diesem weder gegruesst noch angeschaut. In der Gestik des Angestellten lag starke Verachtung. Dem jungen Afghanen schien dies nichts auszumachen. Er schien dankbar zu sein, dass er ueberhaupt hier leben kann. In einem Land, in welchem die Afghanen grundsaetzlich nicht erwunescht sind. Als ich ihm anbot, mit unserem Taxi zur Botschaft zureck zu fahren, damit es ihm reiche, heute noch die Quittung abzugeben, war er mehr als ueberrascht. Mit solchen Angeboten rechnet ein Afghane im Iran nicht. Er waere zu Fuss hingegangen, was mindestens eine Stunde in Anspruch genommen haette. Es haette ihm nicht mehr gereicht. Er haette vermutlich draussen uebernachtet und haette es morgen wieder versucht. Das nenne ich Stolz. Afghanischer Stolz. Trotz ewiger Benachteiligung, Unterdrueckung und Verachtung von allen Seiten blieb der Junge anstaendig, respektvoll und dankbar. Eine gesunde Art von Stolz. Eine Eigenschaft, die ich immer wieder bei Afghaninnen und Afghanen entdecke. Und wenn ich sehe, unter welchen Umstaenden diese Afghaninnen und Afghanen seit langer Zeit leben muessen und dennoch diese positive Eigenschaft wahren, dann zerreisst es mir einerseits fast das Herz, und andererseits macht es mich gluecklich, dass es auf unserer Welt noch solche stolzen Menschen gibt.
Vor der Botschaft habe ich mich auch mit ein paar anderen Afghanen unterhalten. Ueber die Lage in Afghanistan, ueber die Situation der Afghanen im Iran, und ich waere gerne noch laenger dort geblieben. Ich fuehle mich von diesen Menschen angezogen und irgendwie mit ihnen verbunden. Ich freue mich verdammt fest auf diese zwei, drei Tage in Herat und hoffe, dass es nicht mein letzter Afghanistan-Besuch sein wird. Waere ich JFK, wuerde ich in Herat aus dem Bus aussteigen und schreien: “Ich bin ein Afghane!”
Buerokratie
Posted by: | CommentsOk, jetzt weiss ich auch etwas mehr ueber Buerokratie im Iran. Und zudem, dass die Schweizer Botschaft im Iran nicht gerade eine grosse Ahnung davon hat, an wen man sich im Iran bezueglich Visa-Angelegenheiten wenden muss. Unsere Botschaft schickte uns naemlich zur so genannten Aliens Police (Immigration Official). Beretis der “Tuersteher” wusste aber, dass wir zu einem anderen Buero gehen muessen, um ein iranisches Visum mit einmaliger Einreise in eines mit zweimaliger Einreise zu verwandeln bzw. ein neues Visum auszustellen. Wir kaempften uns aber dennoch durch die reichen, fetten und arroganten TeheranerInnen (mit Betonung auf Innen! die Upper Class hier in Teheran ist schlimmer als es unsere High Society jemals gewesen sein kann!) bis zum zustaendigen Beamten vor, der sich nach meiner persischen Einleitung anfaenglich trotz perfekten Englischkenntnissen weigern wollte, mit mir Englisch zu sprechen. Aber auch er schickte uns schliesslich zum Amt, zu welchem uns bereits der “Tuersteher” schicken wollte. Und als dieser bei der Ausgangskontrolle die fuer uns vom Beamten notierte Adresse sah, meinte er nur: “das hab ich ja schon von Anfang gesagt!”. Der Beamte machte uns aber keine grossen Hoffnungen und meinte, es sei ziemlich aussichtslos, die Visa hier im Iran abzuaendern. Nach zwei Tagen Buerokratie gaben wir aber nicht so schnell auf. Wir fuhren weiter zu diesem anderen Buero. Am Empfang wurden wir vorerst an einen bestimmten Schalter in einem bestimmten Zimmer verwiesen. Dort fuehrte uns ein sehr sympathischer spanisch sprechender Beamte mit Schildkroetengesicht zu einem anderen Zimmer, wo ein offenbar ziemlich hoher anderer Beamte auf uns wartete. Als wir schon nicht mehr wirklich an unseren Afghanistantrip glaubten, kam wieder Hoffnung auf. Der hohe Beamte nahm unsere Paesse entgegen, tippte die Visa-Nummer ins System ein, gab uns schliesslich ein Fresszettelchen mit einer Nummer und einem Datum drauf und meinte: “In Herat geht Ihr aufs iranische Konsulat, nennt diese Nummer und dieses Datum, dann werden euch unmittelbar neue Visa fuer die erneute Einreise in den Iran ausgestellt.” So einfach geht das, wenn man die richtige Person in diesem dichten Dschungel der Buerokratie erwischt. Und so ganz nebenbei: der Beamte sprach mit uns in ziemlich gut verstaendlichem Deutsch. Es war etwa zehn Uhr morgens und wir hatten nun die Versicherung, dass wir von Afghanistan wieder in den Iran zurueckreisen und somit unseren Flug ab Maschad antreten koennen. Die afghanische Botschaft schliesst jeweils um zwoelf Uhr mittags. Also, Taxi zur Sefarat-e Afghanestan, das Schreiben der Schweizerischen Botschaft und unserer Paesse abgeben, die auszufuellenden und zu kopierenden Formulare entgegennehmen, Botschaft verlassen, im Buero auf der anderen Strassenseite Formulare per Schreibmaschine ausfuellen lassen, in demselben Buero Passfoto machen lassen (und zwar mit Fotoapparat auf Stativ), im Buero um die Ecke den ganzen Papierkram kopieren lassen, zurueck zur Botschaft, alles abgeben, Einzahlungsschein entgegennehmen, Taxi zur Bank, einzahlen, Taxi zurueck zur Botschaft, 12:05 alles abgeben, in zwei Tagen stehen die Visa bereit. Das klingt zwar alles ziemlich muehsam und kompliziert, aber der im Unterschied zu unserer Buerokratie hat man nach zwei, drei Tagen, was man wollte. In der Schweiz haette wohl die Bearbeitung eines der unzaehligen Formulare zwei Wochen in Anspruch genommen. Aber wir fahren am Donnerstag nach Afghanistan. Dank der iranischen Buerokratie!
US-Botschaft, Megadeth & Meinungsfreiheit
Posted by: | CommentsGestern sagte ein Iraner im Park-e Shahr in Teheran, wenn man einen Plan habe, wuerde man auf irgend eine Art und Weise sein Ziel erreichen. Unser Ziel war es, Visa fuer Afghanistan zu erhalten. Nach einem Tag auf diversen Botschaften (by the way… why the hell does Switzerland represent the US embassy in Iran?!?!?), Reisebueros und Polizeistationen haben wir das Ziel noch nicht erreicht, doch wir haben den Plan noch nicht aufgegeben. Auf jeden Fall war es ein interessanter Tag. Ich weiss jetzt zum Beispiel, dass auch ueberaus weltoffene junge Iraner, welche Megadeth und Judas Priest hoeren, lange Haare und Rasta-farbene Armbaender tragen, durchaus Ahmadinejad seinem ehemaligen Konkurrenten Mussawi vorziehen, dass sie zwar mit vielem, was das heutige Regime vorgibt, nicht einverstanden sind, aber dennoch hinter Ayatollah Khomeyni stehen. Fuer uns Europaeer ist es einfach zu sagen, dass in manchen anderen Laendern die Medien zensuriert werden und keine Meinungsfreiheit herrscht, und das mag teilweise auch stimmen. Aber dabei vergessen wir oft, dass unsere Meinungen ebenso von unseren Medien beeinflusst wird, dass die Medien - obgleich etwas subtiler -auch bei uns zensuriert werden, dass wir auch nur das mitkriegen, was wir mitkriegen sollen. Und ob wir nun in der Schweiz, in Libyen oder im Iran leben, wenn wir nicht unseren Verstand benutzen, um einen kleinen Blick hinter die Kulissen zu werfen, werden wir ohnehin irregefuehrt.
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